Blödmann im Kopf II

Die freundliche Krankenpflegerin führte uns in den Untersuchungsraum und entschuldigte sich kurz. Unsere Kinder und auch wir sahen uns alles an, wobei wir diesen Raum bereits kannten. Bereits im letzten Jahr waren wir mit der jüngsten Tochter ein paar Tage stationär in der Singener Kinderklinik. 

Die Krankenpflegerin kehrte mit zwei Schülerinnen zurück und fragte, ob wir einverstanden seien, wenn sie bei der Untersuchung dabei sein würden. Die Untersuchung begann, wie üblich, mit wiegen, messen, Temperatur kontrollieren, Blutdruck messen usw. Dies sei für die stationäre Aufnahme auf der Station wichtig. Nach einer weiteren kurzen Wartezeit kam dann auch schon ein netter, junger Assistenzarzt der die weiteren Untersuchungen durchführte. Auch hier machte er wieder einige neurologische Untersuchungen, ähnlich wie der Kinderarzt, nur noch umfangreicher und stellte wieder zahlreiche Fragen. Er hatte ein Händchen für unsere Kleine und scherzte viel mit ihr, was natürlich die ganze Situation etwas entspannte. Zum Schluss kam dann noch der unangenehme Teil. Es musste ein Zugang gelegt werden und Blut abgenommen werden. Während der Papa mit unserer kleinen Tochter vor die Tür ging, nahm ich die Hand unserer Tochter, während diese schon auf dem Untersuchungstisch lag. 

Sie wollte gar nicht weg schauen und war schon ganz neugierig was der Doktor dort an ihrer Hand machte. Als es dann doch zum Pieks kam, sah sie mich mit einem etwas schmerzerfüllten Gesicht an. Ich redete auf sie ein, dass gleich alles vorbei sei und streichelte ihre Hand. Tatsächlich ging das Ganze recht schnell und wir waren beide froh, dass es vorbei war. Sie war so tapfer, musste gar nicht weinen. 

Die Hand wurde schön mit einem Verband eingebunden und weil sie so tapfer war, machte der Arzt noch ein süßes Pflaster mit einem Hund drauf. Unsere Tochter freute sich sehr und zeigte dem Papa vor der Tür ganz stolz ihren Verband. Der Oberarzt kam dann auch noch dazu und auch er schaute sich unsere Tochter nochmal an. Die Ärzte erklärten uns nun, dass sie gleich in ihr Zimmer könnte und wir am folgenden Tag einen Kernspint machen müssten, um Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule oder den Nervensträngen auszuschließen. Vielleicht wäre dann ersichtlich woher die Einschränkung an der Hand komme.

Nach einer weiteren kurzen Wartezeit wurden wir dann in unser Zimmer gebracht. Es war ein Zweibettzimmer, wobei ein Bett davon nicht belegt war. Somit hatten wir ein Zimmer für uns allein. Selbstverständlich durfte ich bei unserer Tochter bleiben und man hat mir ein Klappbett neben dem Bett der Kleinen aufgestellt. Das Bett war ein Metallklappbett mit einer so dünnen Matratze drauf, dass ich jetzt schon wusste, dass mir alles weh tun würde nach dieser Nacht.  Noch erahnte ich nicht, dass das mein kleinstes Problem sein würde....

Für unsere Tochter war das Ganze wie ein Abenteuer und sie freute sich komischerweise, mit Mama im Krankenhaus sein zu dürfen. Sie machte es sich gleich in ihrem Bett gemütlich, während ich unsere Tasche ausräumte. Es dauerte nicht lange, da kam auch schon unser Abendbrot. Brotscheiben, Wurst, Käse, Tee und Obst/ Joghurt. Unsere Maus freute sich, dass sie im Bett essen konnte. So einen tollen Tisch hatte sie noch nie gesehen.

In der Zwischenzeit verabschiedete sich auch schon mein Mann und die Kleinste von uns, da es Zeit für die beiden war nach Hause zu gehen, um auch etwas zu essen und dann schlafen zu gehen. 

Bei uns klopfte es kurze Zeit später an der Tür und der Arzt kam nochmal herein, um mich über den Ablauf des Kernspints aufzuklären. Wir besprachen, dass sie einen Saft bekommen würde, bevor es los gehe, damit sie einschlafen konnte. Dies würden wir noch im Zimmer machen und dann, nach dem Einschlafen, mit ihr zum Kernspint fahren.  Im besten Falle würde sie dann die komplette Untersuchung verschlafen. Sollte dies nicht funktionieren und sie trotz allem aufwachen, was wohl öfter mal vorkomme, würde man sie dann doch über den Zugang sedieren. Sedieren ist ein anderes Wort für schläfrig machen, also schlafen legen. 

Selbstverständlich wurde ich über die Risiken aufgeklärt und mir wurde da schon etwas mulmig zu Mute. Unser armes Baby... was musste sie alles über sich ergehen lassen, ging mir durch den Kopf. 

Während der Arzt bereits das Zimmer verlassen hatte, unterschrieb ich alles, gab es der Schwester und ich konnte mit unserer Tochter noch etwas malen und fernsehen. Dann war es Zeit für uns schlafen zu gehen, denn auch ich legte mich früh hin, da mir der Schädel platzte. Ich hatte solche Kopfschmerzen und mir ging soviel durch den Kopf. Es war Zeit auszuruhen. 

 

Nach einer unruhigen Nacht meinerseits (unsere Tochter schlief übrigens super) wachte die Kleine, wie üblich, um 5.30 Uhr auf. Somit war für uns die Nacht vorbei. Wir spielten UNO und malten, bis das Frühstück kam. In der Zwischenzeit kam dann auch mein Mann, der unsere Jüngste vorher noch in den Kindergarten gebracht hatte. Die Krankenpflegerinnen kamen um sich nach der Nacht zu erkundigen und die Erzieherin des Spielzimmers stellte sich vor. Dann durften wir gemeinsam ins Casino hoch gehen, damit auch ich als Mama etwas frühstücken konnte. 

Im Zimmer zurück spielten wir noch etwas und dann war es auch schon an der Zeit. Die Pflegerin kam mit dem Saft. Die Vorhänge wurden zugezogen und sie sollte sich ins Bett setzen. Der Saft schmeckte wohl fürchterlich, da unsere Kleine mehrfach würgen musste, aber sie schaffte es und legte sich danach ins Bett. Wir machten den Fernseher an, damit sie langsam müde wurde und tatsächlich schlief sie dann nach ca. 30 Minuten ein. Eine Ärztin kam dazu und gemeinsam mit einer Pflegerin wurde sie dann zum Kernspint gefahren. Selbstverständlich waren wir die ganze Zeit bei ihr. Am MRT angekommen, legte mein Mann sie auf die Liege des MRT und gerade als der Pfleger der Radiologie ihr die Kopfhörer anziehen wollte, öffnete sie die Augen und war wach. Oh nein, das durfte jetzt nicht wahr sein. Die Ärztin sagte mir, dass wir sie nun sedieren müssten, da sie während der kompletten Untersuchung still liegen müsse. Ich nahm ihre Hand und redete beruhigend auf sie ein, während die Ärztin sie an den Monitor zur Überwachung anschloss und ihr die Sedierung über den Zugang gab. Unsere Tochter rebellierte und wolle immer wieder aufstehen, ich versuchte sie zu beruhigen. Sie versuchte meine Hand wegzudrücken. Ich schluckte und fragte die Ärztin, ob das normal sei. Keine Antwort. Unsere Kleine versuchte weiterhin sich hochzudrücken  und ich fragte nochmals die Ärztin, ob alles ok sei und das normal sei. Ich würde am liebsten losweinen und hielt mit rechts ihre Hand und mit der linken Hand hielt ich ihr Kuscheltier fest an mich gedrückt. Endlich sagte die Ärztin, dass dies eine normale Reaktion sei, da sie vorher den Saft hatte und das in der Kombination zu solch einer Reaktion führen kann.

Kurz darauf wurde sie allerdings ruhiger und schlief ein. Ich versuchte mich auch etwas zu beruhigen, während man mir Stöpsel für die Ohren gab und mir erklärte, dass es nun gleich ganz laut werden würde. Man schob die Kleine rein und ich stellte mich an die Seite, während ich den Lumpi fest an mich drückte. Der Lumpi ist ihr Kuscheltier und immer an ihrer Seite. Er war bereits an ihrer Seite, als sie noch bei mir im Bauch war. 

Ich streichelte Lumpi unbewusst immer und immer wieder, während die Geräusche des MRT immer lauter wurden. Ein furchtbarer Lärm ertönte und ich schaute ständig zwischen dem Monitor, der unsere Tochter überwachte und unserer Tochter hin und her. Warum dauerte das alles so lange? Diese 20-30 Minuten kamen mir vor wie Stunden und ich hatte das Gefühl das würde nie aufhören. Ich schaute die Ärztin an, schaute ob sie eine Reaktion zeigte. Ich schaute den Radiologen an, der hinter der Glasscheibe saß und die ersten Bilder des MRT anschaute, ob ich an ihm eine Reaktion erkennen konnte. Nichts. Ich glaube es ist alles ok, dachte ich. Es ist gleich vorbei, sagte ich mir immer und immer wieder, während ich Lumpi weiter streichelte. Ich konnte kaum still stehen, ich wollte sie da endlich raus holen und endlich wieder aufwachen lassen. Warum ging das denn so lang? 

Endlich kam der Radiologe rein und ich dachte es wäre vorbei, aber er fragte nur die Ärztin, ob es nicht noch Sinn mache, auch noch einen MRT vom Kopf zu machen, wenn sie schon mal hier sei. Die Wirbelsäule sei wohl sauber und man könnte hier ausschließen, dass eine Verletzung vorliege. Ich atmete aus... zumindest etwas. Aber nochmal in die Röhre? Nochmal das alles? Nein, bitte nicht! 

Die Ärztin telefonierte mit dem Oberarzt und dieser bestätigte. Somit ging es wieder von vorne los. Wir machten nun einen MRT vom Kopf. Wieder dieses Geräusch, wieder dieser Lärm, wieder war ich so nervös, dass ich Angst hatte gleich umzukippen. Ich hatte Durst stellte ich fest. Meine Lippen waren so trocken. Ach Gott ich war so nervös. Mein Herz raste. Wann war das endlich vorbei? Ich sah die Ärztin an und dann den Radiologen. Dieser besprach etwas mit dem Pfleger und ich sah wie dieser Spritzen mit einer Flüssigkeit aufzog. Ist das für uns? Bitte nicht. Was ist das? Wieder sprachen sie miteinander. 

Der Pfleger kam mit den Spritzen rein und sagte der Ärztin er würde jetzt das Kontrastmittel spritzen. Sie nickte, schien aber entspannt zu sein. Ich wurde noch nervöser und konnte kaum mehr stehen vor Aufregung. Kontrastmittel? Für was? Ich wollte Fragen stellen, aber schon ging es wieder los mit dem Lärm. Die Untersuchung ging weiter. 

Ich sah unsere Tochter an und sah auf einmal wie sie ihre Augen bewegte. Erschrocken sah ich die Ärztin an und diese sagte: "Sie wird wach." Oh nein, dachte ich. Die Ärztin gab dem Radiologen ein Zeichen und kurze Zeit später sah ich den Oberarzt der Kinderklinik hinter der Glasscheibe stehen.  Die Ärztin bereitete erneut eine Sedierung vor. Wann hatte das denn ein Ende? Der Oberarzt kam rein und sagte sie müsse nochmal etwas sedieren, damit sie die Untersuchung fertig machen konnten. Es würde aber nicht mehr lange gehen. Erneute spritzte sie etwas in den Zugang und es ging weiter. Ich blickte auf den Monitor und auf die Kleine. Es schien als würde sie wieder schlafen und ich konnte mich etwas beruhigen. Ich sah wieder zur Glasscheibe und nun kam auch der Chefarzt in den Raum. Da stimmte doch was nicht, dachte ich. Die Tür zum Wartezimmer in dem mein Mann saß, wurde geschlossen und die Ärzte unterhielten sich. Oh nein, was war los? War etwas nicht in Ordnung?

Das Geräusch des MRT verstummte und ich war so froh, als man mir erklärte, dass sie fertig seien. Gott sei Dank. Ich hörte wie die Ärztin zum Radiologen sagte: "Du hast ja Besuch von der kompletten Kinderklinik gehabt." Die Antwort konnte ich leider nicht mehr hören, da sie raus gingen um das Bett unserer Tochter zu holen. 

Ich nahm meine Kleine hoch, sie war so schwer, aber das war mir egal. Endlich konnte ich sie wieder umarmen, streicheln und wieder mit ihr sprechen. Ich legte sie in ihr Bett und sie wurde an den tragbaren Monitor angeschlossen, damit sie weiter überwacht werden konnte. Langsam öffnete sie die Augen und versuchte aufzustehen. Ich beruhigte sie und sie legte sich wieder hin. So fuhren wir dann mit ihr zurück in ihr Zimmer. 

Dort angekommen, kam sie weiter zu sich und war kurz danach auch schon wieder ansprechbar, allerdings noch sehr benommen. Sie versuchte sich hinzusetzen, sackte aber immer wieder in sich zusammen und schlief dann auch erneut ein. 

Einige Zeit später wachte sie auf und sagte sie habe Hunger. Sie bekam von den netten Pflegerinnen Nuggets mit Pommes und versuchte diese zu essen, wobei das noch nicht wirklich klappte. 

In der Zwischenzeit kam meine Freundin zu Besuch, weil sie sich Sorgen machte und wir sprachen kurz miteinander über das Erlebte, als auch schon der Oberarzt mit einer weiteren Ärztin kam. Er würde meinen Mann und mich gern kurz alleine sprechen und ob es möglich wäre unsere Tochter kurz bei meiner Freundin zu lassen. Unsere Tochter wollte bei mir bleiben, aber ich spürte, dass dies jetzt wichtig war. Ich machte mir keine Sorgen, sie kurz zurück zu lassen, da meine Freundin sie gut  kannte und sie sich sehr mochten.  

Ich wusste, dass es sein musste... ich spürte, dass es wichtig war.... ich ahnte jedoch nicht, dass das die schlimmste Nachricht sein würde, die eine Mutter/ Vater bekommen konnte....

 

 

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen...