Blödmann im Kopf III

Der Oberarzt führte uns in einen kleinen Besprechungsraum. An der Fensterfront stand ein kleiner runder Tisch mit einer kleinen Couch und Stühlen. Ich setzte mich auch die Couch, links von mir nahm mein Mann auf einem Stuhl Platz und mir gegenüber die Ärzte. Ich ahnte, dass jetzt nichts Gutes kommen würde...

"Ich habe leider schlechte Nachrichten", kam auch schon vom Arzt. 

Ich spürte wie der Kloß in meinem Hals anfing zu wachsen und es schien als würde es mir die Luft abschneiden, aber ich wollte es nicht zulassen. Ich wollte genau zuhören, was der Arzt uns zu sagen versuchte, wollte aufpassen, nichts verpassen. Doch während ich versuchte mich zu kontrollieren, hörte ich schon wie mein Mann ein schluchzendes "Nein" aussprach. 

"An der Wirbelsäule konnten wir nichts feststellen, dort ist alles in Ordnung", fuhr der Arzt fort. "Allerdings ist in ihrem Kopf etwas was da nicht hingehört." Ich hatte das Gefühl zu ersticken, ich versuchte Luft zu holen, versuchte die in mir aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Das konnte nicht sein, sie ist doch unser Baby. Sie ist doch noch so klein... 

"Das was da in ihrem Kopf ist, ist ein Hirntumor.", sagte der Arzt leise. Dieses Wort war wie eine Ohrfeige die gegen mein Gesicht prallte. Ich konnte nicht mehr, ich bekam keine Luft mehr und versuchte zu atmen, während mir schon die ersten Tränen über die Wangen liefen. Mein Mann weinte bitterlich und ich begann zu zittern. Was hieß das? Wie ging es jetzt weiter? Was passiert jetzt? Wieso sie? Wieso unser Baby? Die Ärztin reichte uns ein Taschentuch. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen und versuchte doch gleichzeitig den Worten des Arztes zu folgen. Ich wollte nichts verpassen, musste genau zuhören. Wir mussten doch alles richtig machen. Ich versuchte meine Gefühle zu unterdrücken, damit der Arzt uns genau erklären konnte, wie es weiter gehen würde. 

"Wir kommen hier in Singen nun an unsere Grenzen, da wir auf solche Fälle nicht spezialisiert sind. Das müssen nun richtige Spezialisten übernehmen. Wir haben bereits mit der Uniklinik in Freiburg telefoniert und sie muss heute noch nach Freiburg verlegt werden." Verlegt? Nach Freiburg? Aber wir wollten doch nur kurz zum Arzt und dann wieder nach Hause.... Jetzt noch ein anderes Krankenhaus? So weit weg?

Unser Baby... unser Baby... nicht unser Baby... die Tränen liefen unaufhörlich und ich konnte sie nicht mehr kontrollieren. Der Schmerz schien mich aufzufressen innerlich und ich hoffte, gleich wieder aus diesem Albtraum zu erwachen. 

"Es ist schwer, das ist verständlich, noch gestern hatten Sie ein kerngesundes Kind und heute ist alles anders. Ich stelle Ihnen frei, ob Sie selber mit ihr nach Freiburg fahren oder ob sie mit einem Krankenwagen verlegt wird, allerdings müsste ich Ihre Antwort in den nächsten 15 Minuten haben, damit wir ggf. den Krankenwagen bestellen können." 

Ich sah meinen in Tränen aufgelösten Mann an. "Was denkst du? Was ist besser? Kannst du so überhaupt fahren?", fragte ich ihn.

"Ich fahre, ich schaff das.", sagte er leise. " Ich hole dein Handy, damit du in der Schule von der Großen anrufen kannst, damit sie die Kleine vom Kindergarten holen kann.", sagte er, während er schon aufstand. 

Auch die Ärzte standen auf: "Sprechen Sie mit Ihrer Tochter und sagen Sie ihr so gut wie möglich, kindgerecht, die Wahrheit, aber versuchen Sie, wenn möglich, nicht vor ihr zu weinen. Wir geben Ihnen nun etwas Zeit alleine. Lassen Sie sich Zeit." Sie gingen aus dem Zimmer und ich war allein.

Ich saß alleine in diesem Raum und es schien als ob die Zeit still stand. Alles machte keinen Sinn mehr. Alles war anders. Der Schmerz umhüllte mich und nun weinte auch ich bitterlich. Was wird nun aus ihr? Lieber Gott, bitte nimm sie mir nicht weg. Bitte lieber Gott, nimm sie uns nicht weg! Ich weinte so sehr und gleichzeitig versuchte ich mich zu kontrollieren. Warum? Warum sie? Warum wir? Was hatten wir nur falsch gemacht? Was hab ich falsch gemacht? Ich blickte aus dem Fenster und sah die Menschen hin und her laufen und alles machte keinen Sinn mehr. Ich wollte einfach nur unser Mädchen nehmen, nach Hause gehen, mich mit ihr ins Bett legen und kuscheln. Weit weg vom Krankenhaus, von all den Ärzten, Ängsten und Sorgen. 

Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Raum saß, aber irgendwann dachte ich es wäre an der Zeit mich zu kontrollieren, mir die Tränen abzuwischen und zu meinem Baby zu gehen. Warum ist mein Mann nicht zurückgekommen? So gerne hätte ich ihn in den Arm genommen, so gerne hätte ich jemanden gehabt, der mich in den Arm nahm. Ich putze mir die Nase, wischte mir die Tränen aus den geschwollenen, tief roten Augen, atmete tief durch... ich musste jetzt stark sein. Stark für sie, stark für die anderen Kinder, stark für meinen Mann. Ich baute mir eine Mauer auf. Sie musste sich nun auf mich verlassen können.

Ich lief aus dem Zimmer und ging auf das Krankenzimmer meiner Tochter zu. Noch einmal atmete ich tief durch. Ich schaff das, sagte ich zu mir selber.

Ich betrat den Raum. Mein Mann saß mit meiner schlafenden Tochter auf dem Schoß am Tisch, meine Freundin daneben. Sie stand schluchzend auf und fiel mir in die Arme. Ich darf nicht weinen, ich darf nicht weinen, sagte ich mir immer und immer wieder und tatsächlich gelang es mir die in mir aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Sofort fing ich, immer noch unter Schock stehend, an unsere Taschen und die Spielsachen unserer Tochter zu packen. Ich musste mich vorbereiten. Ich rief in der Schule der Tochter an, versuchte bei mir auf der Arbeit anzurufen und alle möglichen Dinge zu organisieren und zu kontrollieren. Ich musste was tun um nicht durchzudrehen.

Meine Tochter wurde wach und wir versuchten sie aufs Bett zu setzen, doch sie sackte ein. Ich streichelte ihren Kopf. Mein Baby.... warum? "Möchtest du jetzt nochmal was essen?", sprach ich zu ihr um mich selber abzulenken. Sie versuchte ein Nugget zu essen, sackte aber immer wieder in sich zusammen. Der Arzt kam rein und untersuchte sie nochmal und sagte dann: "Also sie ist noch nicht wirklich stabil. So kann ich sie nicht selber fahren lassen. Sie muss mit dem Rettungswagen nach Freiburg. Ich werde sofort den Wagen bestellen."

Mein Gott.... mit dem Krankenwagen? Ging es ihr so schlecht? Warum das alles? Ich merkte wie die Tränen wieder anfingen über meine Wange zu rollen und ich wischte sie mir schnell weg und packte den Rest der Dinge zusammen. 

Kurze Zeit später klopfte es auch schon an die Türe und die Rettungssanitäter kamen mit einer Trage rein. Unsere Tochter fand das alles lustig, ein richtiges Abenteuer stand ihr bevor. Ich versuchte zu lächeln, mich mit ihr zu freuen. Der nette Sanitäter sprach mit meiner Tochter, erklärte ihr alles, deckte sie zu und sie wurde angeschnallt. Wir nahmen unsere Sachen und schon ging es los. Das Zimmer raus, durch die Türe, auf den Flur. Ich blickte den langen Flur entlang und sah hinter der Scheibe der Schwesternzimmers die Ärzte und Pfleger versammelt sitzen. Als wir näher kamen standen alle auf und kamen auf den Flur. Ich schluckte. Sie verabschiedeten sich alle mit traurigen Blicken von uns und wünschten uns alles Gute. Ich konnte keinem die Hand schütteln, da ich spürte wie mein Kloß im Hals immer größer wurde und mir schon wieder die Tränen über die Wange fließen wollten. Ich winkte von Weitem und sprach ein leises "Danke für Alles" aus. Sie zeigten Verständnis und nickten mir zu. 

Wir verließen die Kinderklinik. Mein Mann verabschiedete sich von uns, da er mit dem Auto nachfahren würde und wir liefen den langen Flur Richtung Ausgang entlang. Dort angekommen wartete auch schon der Rettungswagen auf uns. Die Kleine wurde durch die hinteren Türen in den Wagen geschoben und ich durfte neben ihr auf einem Stuhl Platz nehmen. 

Es ging los und meine Tochter grinste. "Ich bin in einem Krankenwagen", lachte sie. Ich freute mich, sie lächeln zu sehen.

Der Sanitäter gab die Daten ins Navi ein, machte das Blaulicht an und fuhr zügig los. Schon hörte ich auch das Martinshorn. Mit Blaulicht und Martinshorn nach Freiburg... Wer hätte das gestern noch gedacht? Unglaublich, wie das Schicksal zuschlagen kann. Gestern noch war ich arbeiten, meine Tochter war im Kindergarten und war gesund, heute hatten wir ein schwerkrankes Kind auf dem Weg in ein weiteres Krankenhaus.

Wir fuhren schnell und ich hörte wie die Trage unserer Tochter mit einem Knall immer wieder vor und zurück schnellte. Ich sah sie erschrocken an, aber sie schlief bereits tief und fest. Die Sedierung hatte ihre Spuren hinterlassen und sie war immer noch extrem müde. Sie schlief die ganze Fahrt bis nach Freiburg und mir ging in der Zeit so viel durch den Kopf. Einerseits dachte ich ständig, dass wir viel zu schnell fuhren, während wir uns durch die unzähligen rechts ran fahrenden Fahrzeuge schlängelten. Andererseits dachte ich ständig an das was der Oberarzt zu uns gesagt hatte und ich überlegte was noch auf uns, oder besser gesagt auf unsere Kleine, zukommen würde. Was würde wohl unsere kleinste Tochter machen oder denken, wenn Mama die nächste Zeit nicht nach Hause kommen würde? Würde die Große das zu Hause alles regeln können? War das was unsere Tochter jetzt hatte Krebs? War es genetisch bedingt, weil wir in der Familie viele Personen mit Krebs hatten/haben? Mir ging so viel durch den Kopf und ständig musste ich schlucken, weil ich nicht wollte, dass der Schmerz mich erneut einholte. 

Nach etwa einer Stunde kamen wir dann an der Kinderklinik in Freiburg an, wo alles ganz neu für uns war. Hier waren wir noch nie, dachte ich. Wir hielten direkt vor dem Eingang und meine Kleine öffnete die Augen.

"Wir sind da", sagte ich sanft zu ihr, während ich ihr über den Kopf streichelte....

 

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen.