Blödmann im Kopf IV

Der Rettungsassistent öffnete uns die Türe und meine Kleine wurde aus dem Rettungswagen geschoben. Wir betraten die Glastüre des Klinikums und befanden uns auch gleich im Anmeldungsbereich. Ich hielt die ganze Zeit die Trage meiner Tochter fest und lächelte ihr ständig aufmunternd zu, obwohl mir ganz und gar nicht danach zumute war. Ich fragte mich, ob man mir wohl ansehen würde wie beschissen es mir ginge. Eigentlich war es mir aber egal, dachte ich. Es machte sowieso alles keinen Sinn mehr...

Der Rettungsassistent ging an den ersten Schalter und gab unsere Unterlagen ab. Kurz darauf rief er mich zu sich, da die nette Dame an der Anmeldung noch einige Fragen hatte. Wir kämpften uns gemeinsam durch den üblichen Papierkram und ich sah ständig zu meiner Tochter, die in der Zeit von der Sanitäterin bespaßt wurde, die uns ebenfalls begleitet hatte. 

Endlich waren wir fertig und sollten uns auf den Weg zur Station Escherich machen, wo wir wohl schon erwartet wurden.

Weiter ging es durch die Gänge und ich weiß bis heute nicht mal wo ich genau durchgelaufen bin. Ich war einfach da, ich existierte einfach und wusste ich musste meiner Tochter Mut machen, aber eigentlich wollte ich nur in ein dunkles Loch kriechen und weinen, einfach nur weinen.

 

Endlich kamen wir aus einem Aufzug und befanden uns vor der Station Escherich. Es waren kleine, schmale Gänge. Alles schon etwas in die Jahre gekommen und ganz anders als in der Kinderklinik in Singen. Oh je, dachte ich, ob wir uns hier wohl fühlen können? 

Eine liebe Schwester begrüßte uns und erklärte, dass wir noch etwas warten müssten, da es noch andere Aufnahmen gab. Unser Zimmer sei bereits bereit, allerdings müssten wir bis nach der Aufnahme durch einen Arzt warten. 

Ich sah einige kranke Kinder, Kinder mit Mundschutz, Kinder ohne Haare... ich schluckte. Stand uns das auch noch bevor? Die Tränen schienen sich wieder auf den Weg machen zu wollen, ich unterdrückte sie erneut und versuchte mich auf meine Tochter zu konzentrieren. 

Eine gefühlte Ewigkeit später erklärte man uns, dass nun doch mehrere Aufnahmen vor uns wären. Damit wir nicht so lange warten müssten, sollten wir uns doch bitte nochmal zur Notfallambulanz begeben, damit wir dort die Aufnahme beschleunigen könnten. Alles wieder zurück. Ich wollte doch einfach nur mit meiner Kleinen auf das Zimmer und mit ihr kuscheln. Wann hatte das Alles nur ein Ende?

Wieder fuhren wir mit dem Aufzug nach unten und liefen durch verschiedene Gänge bis wir endlich vor der Notfallambulanz standen. Ich war froh, die Rettungsassistenten noch bei mir zu haben, denn der nette Mann begab sich auch hier wieder zur Anmeldung und kümmerte sich um die Aufnahme. Ich hörte wie eine Schwester sagte: "Verlegungen nehmen wir nicht auf. Sie ist doch eine Verlegung aus dem Klinikum Singen." Ich dreh gleich durch, dachte ich. Ich brauche das hier alles nicht. Wenn die uns alle nicht wollen, gehen wir einfach nach Hause und fertig. Was soll das? Ich wollte nicht hier her, ich wollte sowieso nicht, dass das alles passiert. Meine Gedanken waren wie Geistesblitze die in meinem Kopf hin und her schossen. 

Unser lieber Begleiter teilte den Damen mit, dass das hier so nicht ginge. Man würde uns mit einem kranken Kind hin und her schicken und sie sollten sich doch jetzt bitte mal entscheiden, weil das unzumutbar sei.

Die Rettungsassistentin, die neben mir stand grinste: "Mein Kollege macht das schon. Er ist da ziemlich hartnäckig."

Immerhin etwas, dachte ich. Immerhin einer der uns helfen wollte. 

Nach einiger Zeit führte man uns dann auch tatsächlich in das Untersuchungszimmer. Die Kleine wurde von der Krankenwagentrage auf die Trage im Untersuchungszimmer gelegt und ich nahm neben ihr Platz. Die Sanitäter verabschiedeten sich von uns und wünschten uns alles Gute. Ich bedankte mich von Herzen bei Ihnen.

Nun waren wir wieder allein und ich lächelte sie an. Wir sahen uns den kleinen Raum an und sprachen über das was es alles in diesem Zimmer gab. Es ging wirklich ewig bis mal jemand reinkam und uns dann wieder vertröstete. Ich hörte wie mein Magen knurrte und dachte, dass ich doch tatsächlich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Mittlerweile war es schon 15.30 Uhr, aber Hunger hatte ich eigentlich keinen. Es ekelte mich eher an, wenn ich jetzt an Essen dachte.

In der Zwischenzeit kam dann auch der Papa, der leider im Stau stand und somit nicht so schnell wie der Krankenwagen war. Gott sei Dank, dachte ich. So kann auch er mal ein paar aufmunternde Worte sprechen und ich konnte mich wieder fangen. Es ist so schwer, ständig die Tränen, die Wut und gleichzeitig die Trauer und Angst zu unterdrücken.

Irgendwann kam dann auch endlich eine ganz liebe Ärztin, die die Aufnahme machte. Es wurde wieder ein Zugang gelegt, wieder Blut abgenommen und wieder ganz viele neurologische Untersuchungen gemacht und Fragen gestellt. Man erklärte uns, dass wir wieder warten müssten, da noch nicht alles fertig sei. 

Wieder verging eine Ewigkeit, mittlerweile war es schon  fast 17 Uhr und es kam erneut eine Ärztin rein. Die Oberärztin der onkologischen Abteilung der Kinderklinik. Sie stelle sich vor, besprach wieder einige Dinge mit uns und verließ das Zimmer wieder. 

Meine Tochter bekam Hunger und der Papa lief in den Gang um im Kiosk noch ein paar Kekse zu kaufen, bevor dieser wieder schloss. Nach ein Paar Keksen und einigen UNO-Spielen später, durften wir endlich auf die Station.

Meine Kleine wurde mit einem Rollstuhl gefahren, da sie noch etwas wackelig auf den Beinen war. Uns wurde ein Einzelzimmer zugeteilt, was mich sehr erleichterte. So hatte ich Zeit zur Ruhe zu kommen und mir über alles Gedanken zu machen, dachte ich. 

Während der Papa unsere Tasche holte, fingen wir an uns etwas einzurichten. 

Die Ärztin sah auch nochmal nach uns und erklärte uns, dass unsere Tochter am nächsten Tag leider nochmal ins MRT musste, da die Bilder der Singener Klinik leider etwas verwackelt seien. "Wie ist das möglich? Sie war doch sediert!", fragte ich. Leider konnte sie uns das auch nicht erklären, sagte uns jedoch, dass man es hier an der Klinik anders machen würde und versuchen würde ohne Sedierung zu machen. Sie würde darauf vorbereitet werden und dann würde es meist so klappen. Oh je, dachte ich, wie soll mein Baby so lange still halten in einer Maschine, die soviel Lärm machte?

Die Ärtzin verabschiedete sich und wir bekamen noch ein Abendbrot, welches wir nach stundenlangem warten, dankbar annahmen. Dann war es auch schon bald Zeit schlafen zu gehen. Der Papa verabschiedete sich, da er wieder nach Singen musste um sich um die Kleinste zu kümmern und um noch einige Dinge für uns zu holen. Er würde am nächsten Tag wieder kommen.

Unsere Tochter wurde noch an den Monitor angeschlossen, um sie die ganze Nacht zu überwachen. Das sei hier üblich, damit die Schwestern in ihrem Zimmer einen Überblick über den Zustand der Kinder haben. Ihr wurde nochmal Blutdruck und Fieber gemessen und kurz darauf schlief sie auch schon ein. Sie war wirklich kaputt von dem anstrengenden Tag. 

Ich versuchte ebenfalls zu schlafen, aber meine Gedanken kreisten und kreisten. Mir ging soviel durch den Kopf. Nochmal ein Kernspint, im wachen Zustand auch noch? Was war danach? Wie würde sie behandelt werden? Würde sie wieder gesund werden? Warum sie? Warum gerade sie? Sie ist doch erst fünf Jahre alt! Warum sie? Warum wir? Die ersten Tränen liefen mir über die Wangen, aber ich wischte sie mir gleich wieder weg. Ich musste stark sein! 

Die Nacht war eine Katastrophe für mich, denn eigentlich schlief ich kaum. Alle zwei/ drei Stunden kam eine Schwester rein um nach uns zu sehen, was wirklich schön ist und einem wirklich ein beruhigendes Gefühl gibt, andererseits versucht man zu schlafen und wacht so ständig auf. Mir war es in der Nacht egal, ich konnte sowieso nicht schlafen. Ich versuchte mich mit dem Handy abzulenken, versuchte unzählige Nachrichten zu beantworten, die bereits eingingen. Was mir wirklich nicht bei allen gelang, denn manchmal, weiß man einfach selber keine Antwort auf die ganzen Fragen....

Am nächsten Morgen wachte die Maus, wie immer, bereits um 6 Uhr morgens auf. Für sie war es wieder aufregend im Krankenhaus zu sein. Wir klingelten nach der Schwester, damit diese sie vom Monitor, der rote Leuchtfinger, wie sie es nannte, befreien konnte und sie auf die Toilette gehen konnte. 

Danach spielten wir wieder unzählige Spiele, malten und puzzelten, bis es Zeit wurde zu frühstücken.

Die kranken Kinder hatten die Wahl und durften entscheiden, ob sie im Spielzimmer frühstückten oder das Essen mit auf das Zimmer nahmen. Wir gingen in das Spielzimmer. Wow, wie viele Spiele, Puzzles, Puppen, usw. es hier gab. Meine Kleine konnte sich kaum darauf konzentrieren etwas zu essen auszusuchen vor lauter tollen Spielsachen.

Das Frühstück war bereits auf dem Tisch gerichtet und erinnerte an das Buffet in einem Hotel. Frische Brötchen und Croissants, Butter, Marmelade, Honig, Milch, Kaba, verschiedene Säfte, Wurst und Käse. Toll! Sie frühstückte natürlich im Spielzimmer, weil sie danach gleich spielen wollte. Sie ging auch gleich hinter den Kaufladen nach dem Frühstück und verkaufte mir viele tolle Lebensmittel. 

Irgendwann durften dann auch die Mamas etwas essen. Diese mussten sich das allseits bekannte Tablett von einem Wagen auf dem Flur holen und entweder im Spielzimmer oder im Zimmer essen. Auf dem Elterntablett war ein Brötchen, Brotscheiben, Butter, Käse und Marmelade. Den Kaffee durften wir uns in der Küche der Station selber holen und ist für die Eltern bis 12 Uhr gebührenfrei. Danach müssten wir die andere Kaffeemaschine nehmen, die 1 € pro Kaffee kostet. 

So verging die Zeit und auch der Papa kam mit der kleinsten Tochter und unserer frischen Kleidung wieder. Wir warteten bis man uns Bescheid gab, wann es los gehe.

Schon kamen auch wieder zwei Sanitäter, die uns abholten. Dieses Mal durfte die Kleine aber sitzen und musste nicht liegen und auch der Papa und unsere Kleinste durften mit fahren.

Wir fuhren nicht weit in ein anderes Gebäude, die Neurologie, in dem sich das MRT befand. 

 

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen...