Blödmann im Kopf V

Wir gingen durch die Türen, die Gänge entlang und kamen dann in den Bereich des MRT. Dort angekommen wurden wir wieder von den netten Sanitätern angemeldet und mussten im Wartebereich Platz nehmen. 

Den Kindern wurde schnell langweilig und die Kleinste machte nur noch Blödsinn. Sie lief um die Ecke, versteckte sich, legte sich auf den Boden, wollte essen, wollte trinken. Sie wollte alles und eigentlich doch nichts. Ich hatte eigentlich gar keinen Kopf dafür, aber sie konnte ja nichts dafür. Sie ist ja noch so klein, dachte ich. Umso weniger Aufmerksamkeit wir erregen wollten, umso mehr Blödsinn machte sie. Als wir noch darüber nachdachten, wie wir sie ablenken konnten, damit sie ruhiger werden konnte, wurde unsere Tochter schon aufgerufen. 

Ich ging mit Ihr zur Schwester und sie erklärte uns kurz, dass gleich eine Dame kommen würde, die extra darauf spezialisiert sei mit Kindern umzugehen und uns erklären würde, was nun genau passieren würde. Sie würde im Normalfall nicht sediert werden müssen, was alles leichter machen würde. Meine Tochter war froh, weil sie diesen ekelhaften Saft, den sie in Singen bekommen hatte, nicht noch einmal trinken wollte. Dann mussten wir nochmals ins Wartezimmer, wo dieses langweilige und gleichzeitig stressige Warten weiterging. Nach einiger Zeit wurden wir erneut aufgerufen und eine wirklich nette Frau führte uns in ein Besprechungszimmer. 

Sie hatte eine kleine Kiste mit verschiedenen Dingen dabei. Wir setzten uns und sie stellte sich uns erst mal vor. Dann fing sie an, meiner Tochter kindgerecht zu erklären, was nun passieren würde. Sie erklärte anhand einer Plüschfigur, dass meine Kleine gleich in einen riesigen Donut gefahren werden würde und ganz tolle Ohrenschützer aufhaben würde. Dort dürfte sie den Film "Frozen" anschauen, leider ohne Ton, aber dafür würde der Film die ganze Zeit laufen. Der Donut würde dann ganz viele verschiedene laute Geräusche machen, die aber überhaupt nicht schlimm seien. Ich als Mama würde dann die ganze Zeit neben ihr stehen und sie festhalten. Sie dürfe sich nur nicht bewegen, damit sie dann nachher ganz viele tolle Fotos von ihrem Kopf hätten. Sie zeigte ihr verschiedene Bilder und auch ein Buch in dem alles ganz genau beschrieben wurde. Dann erklärte sie ihr, dass sie ihr eine Flüssigkeit über den Zugang geben würden, damit man die Bilder noch besser sehen könnte und gab ihr als Geschenk einen Schlauch und eine Spritze mit, die sie dann an ihren Kuscheltieren benutzen könnte. Diese Frau machte das so unglaublich toll und irgendwie freute sich meine Tochter tatsächlich darauf in den "Donut" zu gehen. Zum Schluss, wenn sie wirklich die ganze Zeit still liegen bleiben würde, bekäme sie noch einen Astronautenpass. Sie solle jetzt nochmal kurz im Wartezimmer warten und sich währenddessen schon mal einen Planeten aussuchen, zu dem sie gleich fliegen würde. Diesen würde man dann nach der Untersuchung in ihren Astronautenpass eintragen. Wir bedankten uns und meine Tochter lief gleich raus zum Papa und zu ihrer Schwester, um beiden ganz Stolz den tollen Pass und den Schlauch zu zeigen. 

Kurz darauf ging es dann auch schon los. Wir gingen zum riesigen "Donut" und meine Tochter legte sich auf die Trage. Man legte ihr eine Rahmen um den Kopf, die Ohrenschützer und einen Spiegel an, damit sie den Film sehen konnte. Ich sah in die riesige Maschine und tatsächlich, ganz am Ende war ein Bildschirm angebracht an dem auch schon der Name des gleich beginnenden Filmes zu sehen war. Sie wurde reingeschoben und auch ich erhielt meine Ohrenstöpsel und man legte mir den Notfalldrücker links neben meine Hand. Ich nahm den Fuß meiner Tochter in die Hand und streichelte sie, als es auch schon los ging. Der mir bereits bekannte Lärm war ohrenbetäubend und das Geräusch hat sich bis heute in mein Gehirn gebrannt. Ich sah zu meiner Tochter, die ganz gebannt auf die Elsa schaute, die im Film gerade mit Anna sprach. Dann sah ich vor mir an die Wand. Es war eine Motivtapete mit Bäumen. Die Zeit ging vorbei, aber es fühlte sich an wie Stunden und ich dachte immer nur: "Hoffentlich ist es bald vorbei. Wird sie still liegen bleiben? 20 Minuten ist so lange. Oh Gott, hoffentlich ist es bald fertig." Ich sah meine Kleine an, sah wieder auf die Tapete. Ich fragte mich wieder, warum gerade wir alle das jetzt durchmachen mussten. Womit haben wir, aber vor allem die Kleine, das verdient? Wieder stiegen Tränen in mir hoch, die ich aber gleich wieder runterschluckte. Ich versuchte mich ganz auf die Maus zu konzentrieren, während ich diesen Lärm des MRT schon nicht mehr hören konnte. Ich wollte sie endlich da raus haben. Ich streichelte die ganze Zeit ihren Fuß. Sie sollte spüren, dass ich immer da sein würde und sie keine Angst zu haben bräuchte. Ich fragte mich, wie ich mich wohl in so einer Maschine fühlen würde. Ich glaube ich wäre nicht so entspannt wie sie. Wie schafft sie das? Sie ist so tapfer. Ich fing an zu beten. Ich hoffte so sehr, dass dies bald ein Ende hatte.

Mein Blick ging die ganze Zeit zwischen dieser Tapete, meiner Tochter und den hinter der Scheibe sitzenden Damen hin und her. Die Zeit schien still zu stehen und ich fragte mich, wie viel Zeit noch fehlen würde. Als ich erneut zu meiner Tochter blickte, sah ich, dass ihr eine Träne die Wange entlang kullerte. Oh nein, sie fing an zu weinen. Ich versuchte ruhig zu bleiben und streichelte den Fuss weiter, während ich den Damen ein Zeichen gab. Sie nette Dame kam gleich rein und sagte zu meiner Tochter: "Es ist alles gut. Es fehlen nur noch 3 Minuten. Du schaffst das. Du machst das so toll! Du bist so klasse! Gleich sind wir fertig."

Sie sagte mir leise, dass es 6 Minuten seien, sie sich aber so wünschen würden, wenn sie dass jetzt schaffen würden ohne Sedierung. Ich sagte zu meiner Maus: "Gleich hast du es geschafft. Mama ist da. Du schaffst das!"

Wie lange können bitte 6 Minuten sein? Ich hatte das Gefühl sie gingen gar nicht rum. Ich sah raus auf die Dame hinter der Scheibe. Sie machte uns ein Zeichen, dass es jetzt wirklich nur noch 3 Minuten seien und ich dachte nur: "Oh bitte Baby schaff das, bitte bitte schaff das!" Ich betete. Ja ich betete schon wieder leise in meinem Kopf, weil ich einfach nicht wusste wie ich diese drei Minuten überstehen würde. Ich würde sie da am liebsten raus reißen, vor allem jetzt wo sie weinte. Ich merkte wie ich mich verkrampfte und versuchte mich abzulenken. 

Endlich kam die Schwester rein und drückte den AUS Knopf. Das Geräusch verstummte und die Trage kam langsam vorgefahren. Meine Kleine sagte gleich: "Mama" und weinte bitterlich. Es ging ewig bis man ihr endlich diesen Rahmen, den Spiegel, Ohrenschützer usw. vom Kopf nahm, damit sie sich endlich aufrichten konnte. Ich würde den ganzen Scheiß einfach nur wegreißen. Warum waren die so langsam?

Endlich war sie befreit und ich nahm sie in den Arm. "Du hast es geschafft, bébé! Du bist ein so starkes und tapferes Mädchen! Das hast du so toll gemacht." 

Die Schwester füllte noch ihren Astronautenpass aus. Sie war zum Planeten Ariel I geflogen.

Dann durften wir endlich zum Papa und zur Schwester raus. Ganz stolz erzählte sie, wie sie das alles überstanden und gemeistert hatte und zeigte den Pass. Diesen müsse sie nun immer mitbringen, wenn sie wieder hier her kommen müsse und ich wusste, dass das noch einige Male sein würde... 

 

Wieder warteten wir darauf, abgeholt zu werden um dann zurück in die Kinderklinik und auf unser Zimmer gebracht zu werden. Der Transport dauerte nicht lange und wir wurden auch schon mit dem zurückgelegten Mittagessen auf der Station erwartet. 

Nach dem Mittagessen konnte sie endlich einen Mittagsschlaf machen um sich etwas auszuruhen und den aufregenden Vormittag zu verarbeiten. Auch die Kleinste der Familie zog sich mit dem Papa zurück, um im Elternhaus einen Mittagsschlaf zu halten. 
Auch ich versuchte mich hinzulegen, doch schlafen konnte ich mal wieder nicht. Ich überlegte, wie wenig ich die letzten Tage geschlafen, gegessen und sogar getrunken hatte. Wie nebensächlich alles doch war. Noch vor ein Paar Tagen machte ich mir Gedanken, wie ich meine überschüssigen Pfunde los werden könnte und heute lag ich schon im Krankenhaus mit einem schwer kranken Kind und alles andere war mir auf einmal egal. Wieder schwirrten mir soviel Gedanken durch den Kopf und ich verstand immer noch nicht, wieso der liebe Gott uns noch ein Hürde aufgebürdet hatte. 

Als der Papa nach circa zwei Stunden wieder kam, hatte er eine ganz tolle Überraschung für unsere Maus dabei. Diese hatte sich schon seit Monaten eine Baby Born gewünscht und nun hatte er sie dabei. Wir hatten entschieden ihr diese zu schenken. Sie hatte soviel durchgemacht die letzten Tage und würde noch soviel durchmachen müssen. Das hatte sie sich wirklich verdient. 

Wir hofften, dass sie damit besser die Zeit im Krankenhaus überstehen könne. 

Sie schlief noch und wir stellten sie vorsichtig ans Bettende, damit sie sie gleich sah, wenn sie aufwachte. So war es auch. Sie öffnete verschlafen die Augen und sah die Puppe vor sich. Ihre Augen strahlten und das Lächeln in ihrem Gesicht schien von einem Ohr zum anderen zu reichen. Selbstverständlich spielte sie gleich mit ihrer neuen Puppe, so wie auch die Kleinste, denn auch diese hatte eine Puppe in Mini Format erhalten. Wir hofften, damit ein klein wenig Freude in unseren momentan so traurigen Alltag zu bringen.

 

Fortsetzung folgt...