Blödmann im Kopf VI

Die Zeit verging und es war Zeit die Kleinste schlafen zu legen, da es für sie einfach zu langweilig wurde im Krankenzimmer. Auch für sie war es nicht einfach. Auf einmal waren alle im Krankenhaus und sie musste sich hier in einem kleinen Raum beschäftigen und konnte nicht durch die Gegend springen wie sonst. Ihr fehlte der Kindergarten, die vielen Kinder und die gewohnte Umgebung.

Papa wollte eigentlich noch auf den Oberarzt warten um die Ergebnisse des MRT zu besprechen, aber es wurde immer später und die Kleine immer quengliger. Nach dem Abendessen zogen er und die Kleine sich an um zu gehen. "Ich würde auch mal gerne hier bei meiner Tochter schlafen. Warum musst du immer bei ihr sein? Warum darf ich das nicht mal?", hörte ich ihn sagen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich sollte gehen und mein krankes Kind hier lassen? Mir wurde schlecht und ich wusste, dass er recht hatte. Es war auch sein Kind und er hatte das gleiche Recht, aber ich konnte und wollte nicht. Bitte nicht, dachte ich nur. "Bitte lass mich hier bleiben, bitte. Ich kann sie nicht alleine lassen, also ohne mich. Ich bin doch ihre Mama.", sagte ich leise. Ich versuchte mir die Tränen zu unterdrücken die bereits meine Augen füllten. 

"Ja und ich bin ihr Papa. Ich habe das gleiche Recht wie du. Ständig bist du dabei, bei allen Untersuchungen und im Krankenhaus auch.", sagte er. Ich verstand ihn. Ich verstand ihn wirklich und ich wusste er hatte wirklich recht, aber ich konnte nicht gehen. Ich konnte einfach nicht.

Enttäuscht und auch sauer auf mich, verabschiedete er sich von uns und ging mit der Kleinsten aus dem Zimmer. 

Ich versuchte nicht zu weinen, während ich über seine Worte nachdachte. Oh Gott, er hatte recht und ich wusste, dass es nur fair war ihn auch mal hier schlafen zu lassen, aber ich konnte nicht, ich konnte einfach nicht. Es würde mir das Herz zerreißen und ich würde keine Sekunde zur Ruhe kommen....

Während mir seine Worte noch immer durch den Kopf gingen, kam endlich auch der Oberarzt zur Besprechung ins Zimmer. Er stellte sich mir und unserer Tochter vor und erklärte, dass er nun ein paar Dinge mit mir besprechen müsse. Die Maus verstand und begann auf ihrem Bett zu spielen, während der Arzt und ich uns an einen kleinen Tisch setzten. 

"Wie Sie bereits wissen, hat Ihre Tochter einen Hirntumor, deshalb sind Sie auch heute hier. Haben Sie denn schon ein Foto des Tumors gesehen? Wurden Ihnen schon Bilder gezeigt?", fragte er. Während ich verneinte legte er auch schon ein Blatt Papier auf den Tisch und da war er.... der Tumor. Ein weißes, kugelartiges Gebilde mitten im Kopf meiner Tochter. Das Bild so zu sehen war fast schon unheimlich. Dieser weiße Fleck mitten im dunkel aussehenden Kopf. Ich bekam Gänsehaut.... mein Gott das ist ja richtig groß. "Die Größe ist ungefähr 2 - 2.5 cm auf 2 - 2.5 cm. Leider liegt der Tumor an einer ganz doofen Stelle, nämlich direkt am Hirnstamm. Somit ist eine Operation eher unwahrscheinlich, da diese zu große Risiken birgt. Sie ist noch so klein und zu jung, womit man die Risiken so gering wie möglich halten muss, um ihr ein einigermaßen angenehmes Leben ermöglichen zu können. Aus diesem Grund würde man so oder so anders behandeln müssen. Die Optionen wären einmal die Chemotherapie oder Bestrahlung. Allerdings kann man erst entscheiden, wie genau man therapiert, wenn man auch weiß was genau es ist. Momentan ist der Tumor einfach nur blöd und erst durch eine Biopsie wissen wir, ob er gutartig, also niedriggradig oder bösartig ist.", sprach der Arzt. Unsere Tochter kam zu uns und fragte ob das auf dem Bild das ist was in ihrem Kopf ist. Der Arzt erklärte es ihr folgendermaßen: "Ja, das ist in deinem Kopf. Mitten in deinem Kopf ist ein Blödmann und wir wissen nicht genau wie dieser Blödmann heißt. Aus diesem Grund müssen wir eine kleine Operation machen und rauszufinden, wie genau der Blödmann heißt, damit wir dann wissen, wie wir ihn wieder weg bekommen." Meinte Tochter antwortete sofort: "Vielleicht heißt der Blödmann auch Blödstein oder Blödkopf!" Wir lächelten und nickten, während sie schon wieder zu ihrem Bett ging um weiter zu spielen. So entstand das Wort, welches uns nun immer und ständig begleiten würde: Der Blödmann im Kopf.

Ich schluckte und versuchte erneut nicht zu weinen, sondern stark zu sein, um weiter zu erfahren was genau gemacht werden muss. 

"Wir werden als nächsten Schritt eine Biopsie machen müssen. Diese wird im sogenannten Schlüssellochverfahren gemacht, also eine stereotaktische Biopsie. Es wird ein kleines Loch in den Schädel gemacht werden müssen, dann wird man mit einer hauchdünnen Nadel bis zum Tumor gehen und dort werden dann verschiedene Proben entnommen, die dann untersucht werden.", fuhr der Arzt fort. 

Mir wurde schlecht, schwindlig und alles auf einmal, während meine Augen sich schon wieder mit Tränen füllten. Wie sollten wir das durchstehen? Ein Loch im Schädel? Mein Gott.... unser Kind, unser Baby. Warum sie? Warum wir? Ich konnte das Ganze immer noch nicht glauben. 

"Wir werden versuchen schnellstmöglich einen Termin für die Biopsie zu vereinbaren. Da dies aber meist ein paar Tage dauert, kann es sein, dass sie morgen nochmal nach Hause dürfen und wir Ihnen dann anrufen, sobald ein Termin frei ist.", erklärte er uns und verabschiedete sich dann auch schon. Ich drückte meine Tochter und setzte mich erst einmal. Mir schwirrte so viel durch den Kopf, während ich immer noch auf dieses Bild sah. Wie konnte das alles sein? 

Ich rief meinen Mann an und erzählte ihm am Telefon was der Arzt mir gerade gesagt hatte. Dann sagte ich leise schluchzend: "Bitte lass mich bei ihr bleiben, bitte nimm mir das nicht weg, bitte. Ich weiß du bist ihr Papa und hast das gleiche recht, aber sie war doch in meinem Bauch und nun muss ich auch bei ihr bleiben, ich kann hier nicht weg. Bitte!" Die ersten Tränen kullerten mir schon über die Wangen und ich wischte sie schnell wieder weg. Ich musste stark sein und die Kleine sollte mich nicht weinen sehen. 

Wir verabschiedeten uns am Telefon und  ich machte die Kleine bettfertig. 

Ich gab der Schwester Bescheid und diese kam, um unsere Tochter wieder an den Monitor anzuschließen. Dann versuchte auch ich mich hinzulegen und auszuruhen, aber daran war auch in dieser Nacht nicht zu denken. Mir ging einfach zu viel durch den Kopf und ich kam nicht wirklich zur Ruhe. Wann werde ich wohl wieder richtig schlafen? Ich befragte erneut Dr. Google um mich nach der Art der Biopsie zu erkundigen und zu sehen, wie genau so etwas vonstatten geht und schluckte, als ich ein Paar Bilder sah. Ich wollte das alles nicht und wusste gleichzeitig, dass genau das nötig sein würde. Sie musste wieder gesund werden und ich würde dafür alles tun und geben. 

Nach einer unruhigen Nacht erwachten wir beide wieder sehr früh und die Schwester kam, um uns wieder vom "Leuchtfinger" zu befreien. Da unsere Kleine immer die Erste auf der Station war die wach wurde, spielten wir wieder bis es Zeit fürs Frühstück war. Auch der Papa kam mit der Kleinsten wieder und wir versuchten die Zeit mit spielen, malen, puzzlen usw. tot zu schlagen, bis endlich die Visite kam. Wie erwartet, konnte noch kein OP Termin genannt werden und somit wurden wir erst einmal entlassen. 

Ich war so froh, endlich ein paar Tage wieder nach Hause zu kommen und hoffte mich dort neu sortieren zu können und auch die Kleine war total erfreut und wollte allen ihre neue Puppe zeigen. Als ich raus kam und auf den Parkplatz zum Auto lief wurde mir ganz schwindelig und ich hatte das Gefühl Jahre in diesem Krankenhaus eingesperrt gewesen zu sein. Es war seltsam wieder frische Luft um die Nase zu haben, es war seltsam so weit blicken zu können und nicht nur bis zur nächsten Wand oder einen Gang entlang. 

 

Wir fuhren los und bereits auf der Heimfahrt klingelte das Telefon Ich erkannte bereits an der Nummer, dass es wieder die Klinik war. Die OP wurde auf den 14.11 angesetzt und somit mussten wir bereits am 13.11 wieder ins Krankenhaus. Uns blieben also genau sechs Nächte zu Hause. 

 

Die erste Nacht zu Hause war gut und aufwühlend zugleich. Die Kinder konnten zwar super schlafen in ihren eigenen Betten, aber meine Nacht war bescheiden. Anfangs schlief ich gut und todmüde ein, allerdings wachte ich gegen 4 Uhr auf und weinte bitterlich. Endlich konnte ich weinen... nach soviel Tagen ohne alles zu verarbeiten und ohne zu weinen, konnte ich nun endlich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich weinte und weinte und es schien mir, als ob ich gar nicht mehr aufhören könne. Mein Mann nahm mich in den Arm und so blieben wir liegen, während ich weiter weinte. Ich schluchzte bitterlich und hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich spürte wie es gut tat zu weinen und endlich alles raus zu lassen. Ich schnäuzte unzählige Taschentücher voll, denn ich verstand nicht, wie der liebe Gott uns, also vor allem unserer Kleinen, so etwas antun konnte.... 

 

Fortsetzung folgt....