Blödmann im Kopf VII

Die Tage die wir zu Hause verbrachten taten uns so gut. Die Kinder konnten einen einigermaßen normalen Alltag führen. Die Kleinste ging wieder in den Kindergarten, unsere Tochter durfte im Kindergarten ihre Freunde und Erzieher besuchen und ich konnte auch wieder zur Arbeit und dort meine Vertretung einlernen. Unsere Tochter freute sich so sehr wieder in den Kindergarten gehen zu können und die Erzieherinnen und Kinder freuten sich so sehr sie wieder bei sich zu haben.

Wir holten die Oma am Flughafen Zürich ab, denn diese lebt in Portugal und flog extra ein um auf die anderen zwei Kinder aufzupassen und sie zu versorgen, während wir im Krankenhaus sein würden. Wir genossen die kurze Zeit und bekamen Besuch von Freunden und Verwandten, die sich selbstverständlich alle Sorgen machten. Es waren zwar nur ein paar Tage, die uns aber so gut taten. Psychologisch und emotional haben wir diese Tage wirklich gebraucht.

 

Allerdings waren es nur 5 Tage und dann mussten wir am 13.11 bereits vormittags wieder im Klinikum in Freiburg sein. Wieder mussten wir uns stationär anmelden und konnten dann wieder auf die Station Escherich. Auch hier kannte man uns bereits und wir wurden wieder sehr freundlich empfangen. Der Kleinen wurde wieder ein Zugang gelegt, was natürlich nicht ganz schmerzfrei ist. Dafür gibt es aber für tapfere Kinder immer eine kleine Belohnung und sie suchte sich eine Halskette mit einem leuchtenden Delphin aus, während sie sich ihre kleinen Kullertränen abwischte. Dann bekamen wir ihre Akte in die Hand und mussten uns auf den Weg in die Klinik machen, in der sich die Neurochirurgie befand. Es tat uns gut etwas spazieren zu gehen und auch die Kleine hatte Spaß den Enten an dem, auf dem Weg liegenden Teich, zuzusehen. 

In der Neurochirurgie angekommen, meldeten wir uns auch dort wieder an und mussten dann ein paar Minuten Platz nehmen, um auf den Arzt zu warten. Wir waren sehr nervös. Vor allem wegen der am nächsten Tag anstehenden Operation und unsere Gedanken schwirrten wild umher. Endlich kam auch schon der etwas ältere, aber sehr sympathische Arzt. Er führte uns in ein Besprechungszimmer und klärte uns über die bevorstehende OP auf. Ich muss sagen, es tat uns gut alle einzelnen Schritte zu besprechen um genau zu wissen wie der Ablauf der Operation sein würde. Der Arzt nahm uns einen kleinen Teil unserer Angst und wir fühlten uns tatsächlich gut aufgehoben, wobei uns natürlich immer die Angst und die Sorge um unsere Kleine begleitet hat und immer noch begleitet. Der Arzt erklärte, dass erst die Anästhesie erfolgen würde, danach würde sie eine Art Ring oder Rahmen um den Kopf bekommen. Dieser würde mit zwei Stäben am Schädelknochen fixiert/abgestützt werden müssen. Daher würden zwei kleine Löcher in der Haut auf der Stirn entstehen. Danach müsste sie aus dem OP raus gefahren werden und würde an uns vorbei in den Aufzug gehen, um im zweiten Stock ein CT vom Kopf zu bekommen. Erst damit kann genau ausgewertet werden, wo genau die Stelle ist, an der der Schädel etwas aufgemacht werden muss (also ca. 2 cm). Dann würde man wieder in den OP fahren und dort würde dann die eigentliche stereotaktische Biopsie erfolgen. Man würde durch die Öffnung hindurch bis zum Tumor gehen und dort dann Proben entnehmen. Wir stellten viele Fragen und wir bekamen, soweit es möglich war, alles beantwortet. Dann mussten wir die Einverständniserklärung zur Operation unterschreiben und dort mussten wir natürlich auch die Nebenwirkungen durchlesen. Und da war es wieder, dieses große Gefühl der Angst, die Sorge, die Hilflosigkeit und die Ohnmacht. Blutungen, Lähmungen, usw. waren nur ein Teil der Dinge die dort standen und den Kloß in unserem Hals wieder größer werden lies. Sie wurde am Gehirn operiert und selbst wenn es nur eine ganz kleine OP sein würde, so würde es doch am Gehirn sein. Oh mein Gott mein Baby. Wird sie wieder aufwachen, wird sie sprechen, laufen, lachen können? Wir hatten solche Angst, denn bei so einer Operation zählte jeder Millimeter, selbst weniger als Millimeter zählten....

Nach der allgemeinen Erledigung des Papierkrams für die Akten und die Operation, führte uns der Arzt zum Bereich der Operationssäle und der Anästhesie, wo wir bereits kurz darauf von einem weiteren Oberarzt empfangen wurden. Dieser klärte uns über die Anästhesie auf und stellte uns viele Fragen zum Allgemeinzustand, bzw. Gesundheitszustands des Kindes. Er sagte uns, dass wir bei der Anästhesie nicht dabei wären und wir uns bereits im Flur, der sogenannten Schleuse, verabschieden müssten. "Oh nein", dachte ich. "Ich hatte ihr doch versprochen ihre Hand zu halten, bis sie eingeschlafen ist." Ich erklärte dem Arzt die Situation, aber er erklärte uns, dass sie so viel bessere Erfahrungen gemacht hätten und es somit nicht anders in Frage kommen würde. Unser armes Baby ganz allein im OP dachte ich. Ich schluckte meine erneut aufsteigenden Tränen runter und versuchte weiter tapfer zu sein und auch hier alles in Ruhe zu hören und durchzusprechen. Ich kann Euch nicht sagen, wieviel Emotionen da auf einen rein prasseln, vor allem wenn man auch hier wieder alle Nebenwirkungen der Anästhesie durchlesen muss und hört, was alles schief gehen kann. 

Endlich war auch dies geschafft und wir begaben uns auf den Weg zurück in die Kinderklinik. Morgen würde sie gleich in der Früh die erste sein, die in den OP kommen würde.

Den Rest des Tages verbrachten wir mit spielen, lesen, puzzlen usw. um uns den Tag einigermaßen erträglich zu machen, denn unsere Gedanken waren ständig bei der morgigen OP. Die Nacht war für uns unruhig und ich konnte kaum schlafen. Bereits um fünf machte ich mich fertig und um sechs wurde uns auch schon das OP-Hemd gebracht und ich zog sie mit einem mulmigen Gefühl um. Ich kämmte ihr die langen Haare und machte ihr zwei Zöpfe, während ich daran dachte wieviel Haare sie ihr nun wohl weg rasieren müssten, um die Operation sorgfältig durchführen zu können. Ihr war es doch so wichtig Haare wie Rapunzel zu bekommen.... seufz.

Um 6.30 Uhr kam dann auch schon mein Mann zu uns und wir warteten auf den Krankenwagen, der uns in die andere Klinik fahren würde. Die netten Herren kamen auch schon kurz darauf und unsere Tochter wurde auf die Trage gelegt und zugedeckt. Sie schnallten sie an und wir gingen in Richtung Flur und Aufzug, während uns die diensthabenden Schwestern viel Glück und alles Gute für die Operation wünschten. Ich hatte solche Angst..... meine Knie zitterten und ich versuchte immer zu lächeln, damit die Kleine meine/unsere Angst nicht zu spüren bekam. 

Im Klinikum angekommen fuhren wir in den Stock in dem sich die Operationssäle befanden und kamen in die Schleuse. Dort wurde sie von der Krankenwagentrage auf einen OP Tisch gelegt. An diesem hingen soviel Geräte, dass es mir schon beim Anblick schlecht wurde. Die Schwestern empfingen uns sehr freundlich und schoben unsere Tochter noch kurz in den Aufwachraum, damit alles vorbereitet werden konnte. Wir sprachen mit ihr, versuchten sie abzulenken, aber selbst sie war jetzt schon nervös.

Dann ging es auch schon los. Sie wurde erneut in die Schleuse geschoben und wir mussten uns verabschieden. Mein Mann küsste sie und sprach leise mit ihr. Dann sagte er nur: "Ich muss hier raus.". Ich sah, wie er versuchte die Tränen zu unterdrücken und ich ging zu meiner Tochter und küsste sie. "Es wird alles gut. Bald ist es vorbei und dann warten wir hier auf dich, okay?" Sie nickte und ich küsste sie erneut. "Ich liebe dich!", sagte ich und dann wurde sie auch schon weiter geschoben und ich musste die Schleuse verlassen und auf den Flur gehen. Dort konnte ich meine Tränen nicht mehr unter Kontrolle halten und während ich zum Wartebereich lief, weinte ich schon bitterlich. Ich will das alles nicht. Sie ist ein kleines, fünfjähriges Kind! Warum? Mein Mann kam auf mich zu und wir umarmten uns. Ich war so froh, dass er da war. Ich weinte so sehr und es war mir egal, wer da war oder wer vorbei lief. Ich weinte und konnte nicht aufhören. Ich verbrauchte unzählige Taschentücher und schluchzte unentwegt. Wann ist dieser Albtraum endlich vorbei? Ich mag nicht mehr. Ich will mein Baby einfach bei mir haben. Ist alles gut? Ist sie schon eingeschlafen? Ich hoffe sie verträgt die Narkose gut. Mir ging so viel durch den Kopf, während ich weiter weinte.

Ich hörte wie mein Mann sagte, dass wir etwas an die frische Luft gehen sollten und so machten wir uns auf den Weg nach draußen. Die Luft tat mir gut, aber ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Die Tränen liefen und liefen einfach so runter und ich sah auf den Boden während ich lief. Wir holten uns einen Kaffee aus dem Casino und ich sagte nur: "Ich muss zurück. Ich muss vor der Tür sein. Ich will nicht so weit weg." Auch mein Mann wollte in der Nähe bleiben und so gingen wir wieder zurück in den Wartebereich vor den Operationssälen. Dann fing die unerträgliche Wartezeit an und ich hatte so Angst, vor dem Moment an dem sie mit ihr an uns vorbeifahren würden während der OP. Ich sagte zu meinem Mann: "Ich kann sie so nicht sehen, ich will sie so nicht sehen. Ich habe solche Angst sie so zu sehen.". Ich weinte immer noch, während ich hin und herlief und versuchte mich etwas hinter den Aufzug zu stellen, damit ich mich evtl. hinter dem anderen Aufzug stellen konnte, falls sie mit der Kleinen an uns vorbeifahren würden. Mein Mann stand weiter vorne und würde mir ein Zeichen geben, wenn sie raus kommen würden. 

Wir warteten und warteten und dann.... auf einmal ging die Türe zum OP auf und ich hörte schon von Weitem die piepende Maschine, die meine Tochter überwachte. Ich sah den OP - Tisch und einige Ärzte und Schwestern, die in OP Kleidung um den Tisch standen. Ich begann zu zittern, während ich unbewusst einige Schritte rückwärts machte. Ich sah das Zeichen meines Mannes, während auch ihm schon die Tränen runter liefen. Der Arzt machte uns ein Zeichen, dass soweit alles ok sei und es ihr gut ginge, während sie an uns vorbei liefen und in den Aufzug gingen. 

Das Geräusch des Überwachungsmonitors brannte sich in meinem Kopf, während ich wieder und wieder schluchzte. Es tat so weh, es tat so weh sie so zu sehen. Es tat so weh nichts tun zu können. Es tat so weh zu wissen, dass es eigentlich das Richtige ist und dass es sein müsse, aber andererseits nicht zu wissen, ob alles gut laufen würde. Meine Emotionen fuhren Achterbahn und ich wusste nicht, wie ich meine Tränen unterdrücken sollte. Sie liefen einfach ununterbrochen. Ich kann nicht sagen, wie lange es ging, da ich das komplette Gefühl für die Zeit verloren hatte, aber nach einiger Zeit hörte ich bereits im Aufzug das erneute piepen des Monitors und ich wusste, dass gleich diese Aufzugstüre wieder aufgehen würde und sie wieder mit ihr an uns vorbei mussten. 

Ich begann erneut zu zittern, während die Türen sich auch schon öffneten und mein Mann mir erneut das Zeichen machte, dass sie es sei. Wieder liefen das ganze OP-Team an uns vorbei und ich versuchte nicht auf ihren Kopf zu schauen, damit ich nicht sah, wie sie intubiert und mit diesem Rahmen um den Kopf da lag. Ich sah wie die Ärzte und Schwestern endlich wieder im Operationssaal verschwanden und versuchte mich wieder zu beruhigen, in dem ich mir immer und immer wieder sagte, dass alles gut werden würde. 

Ich sah aus dem Fenster und sah, dass die Sonne schien und dachte mir, dass dies doch ein gutes Zeichen sei. Der liebe Gott möchte mir damit sagen, dass alles gut ist. Ich betete und ich kann Euch gar nicht sagen, wie oft ich das "Vater unser" gesprochen habe in meinem Kopf. Ich lief mit meinem Mann abwechselnd hin und her und die Zeit schien sich unendlich hinzuziehen! 14 Schritte vor, 5 nach rechts, 14 Schritte zurück, 5 nach rechts.... mein Gott sich zähle schon Schritte. Wann hatte diese OP endlich ein Ende? Mittlerweile waren bereits über zwei Stunden vergangen und man hatte uns gesagt sie würde ca. 2 Stunden gehen. Ist alles in Ordnung? Ich versuchte mir immer und immer wieder einzureden, dass alles gut sei. Mein Mann nahm mich in den Arm und dann liefen wir wieder hin und her, setzten uns, hielten uns an den Händen und standen wieder auf. Ich versuchte die unzähligen Nachrichten zu beantworten, die mittlerweile auf mein Handy prasselten, aber ich konnte nicht alle beantworten. Ich hatte gar keinen Kopf dafür und auch gar keine Lust. Ich wollte, dass diese OP einfach nur ein Ende hatte. Wieder vergingen die Minuten, die sich wie Stunden, ja sogar schon Tage anfühlten. Ich betete und betete, auf deutsch, auf portugiesisch, ich zitterte, hatte Angst und dann betete ich wieder. Es war kaum auszuhalten und umso mehr Zeit verging, umso mehr Angst bekam ich, dass etwas schief gelaufen war. 

Nach etwas über drei Stunden lief eine Schwester an uns vorbei, die bereits ganz am Anfang dabei gewesen war und sagte, sie seie gleich fertig. Ich atmete auf und war so erleichtert. Schon ging auch die Tür zum OP auf und der Neurochirurg kam heraus. Er erklärte uns, dass alles gut gelaufen sei, sie bereits am aufwachen sei und gleich in den Aufwachraum kommen würde, wo wir zu ihr dürften. Sie hätten einige Proben entnommen und diese würden nun zur Untersuchung an die entsprechenden Pathologien geschickt werden.

Wir bedankten uns von Herzen und waren froh, als wir nun endlich zu ihr durften. 

Sie sah mich an, lächelte und sagte: "Mama!". Mein Gott war ich froh, sie sprach! Ich war so erleichtert. Ich streichelte ihren Kopf während ich auf die über kreuz gelegten Pflaster auf ihrer Stirn und das große Pflaster auf ihrem Kopf sah. Auch hatte sie einen Strich quer über die Nase, was etwas komisch aussah. Ich sagte ihr, dass alles wieder gut sei und Mama und Papa nun da seien und nicht mehr weg gehen würden. Wieder lächelte sie und fragte: "Bekomme ich nun etwas für meine Baby Born?" Wir lachten, ja sie war wieder ganz die Alte und wir waren so unglaublich erleichtert. 

Der Arzt kam nochmals herein und sprach mit unserer Tochter. Er sie abwechselnd die Hände, Arme, Füße und Beine zu bewegen und tatsächlich konnte sie, bis auf die linke Hand, alles normal bewegen. Die linke Hand war ja schon vor der OP beeinträchtigt gewesen. In dem Moment fiel uns nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern ein ganzer Berg. Wir waren so unglaublich erleichtert und froh, dass sie alles bisher so gut überstanden hatte. 

Nun hieß es wieder warten. Sie musste ganz wach werden, etwas trinken und ein paar Salzstangen essen, damit sie wieder mit dem Krankenwagen in die Kinderklinik gefahren werden durfte. Wer allerdings meine Tochter kennt, weiß, dass sie mit Langeweile und im Bett ruhig liegen bleiben nicht viel anfangen kann und so meckerte sie tatsächlich über eine Stunde über die Langeweile und die Verspätung der Rettungssanitäter mit dem Krankentransport. Es war unglaublich, wie man nach so  einer Operation schon wieder so gut meckern konnte. Wir können nur sagen, dass wir noch nie so froh waren sie meckern zu hören....

 

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen....