Blödmann im Kopf 11

Am 20.01 konnten wir dann wieder bei unserem Kinderarzt hier in Singen die Fäden ziehen lassen. Die Kleine hatte nicht mal mehr Angst davor. Sie wusste, dass es ihr beim letzten Mal nicht weh getan hatte und so durfte der Arzt dieses Mal sogar ohne Zaubersalbe die Fäden ziehen. Das Ganze ging so schnell und war total unkompliziert und somit hatte sie zumindest das Pflaster am Kopf schon mal los.

Am darauf folgenden Tag war dann die kurze Erholungszeit zu Hause schon wieder vorbei und wir mussten uns bereits um 10 Uhr wieder in der Kinderklinik in Freiburg vorstellen. Nach einem kurzen Vorgespräch mussten wir uns stationär auf der Station Pirquet vorstellen.  Eine für uns ganz neue Station. Ein langer Gang erwartete uns wieder mit vielen engen Zimmern, größtenteils extrem kleine Einzelzimmer, mit alten Glastüren, die mit alten Vorhängen versehen waren. Wir sahen viele kranke Kinder die mit ihren Infusionsständern entweder im Bett lagen, saßen oder durch die Gänge liefen. Es war furchtbar anzusehen und der dicke Kloß in meinem Hals war wieder da. Ich würde am liebsten weglaufen. Ich will hier doch gar nicht sein. Mein Mädchen sollte auch nicht hier sein. Ich will hier einfach nur raus. Ich schluckte und versuchte mich auf die mittlerweile vor uns stehende Schwester zu konzentrieren. "Bitte warten sie noch vorne im Aufenthaltsraum. Wir haben momentan noch kein Zimmer für sie frei und müssen erst schauen wohin sie genau kommt.", sagte sie. Kein Zimmer? Das ist doch wohl ein Witz. Wieso bestellt man uns denn ein, wenn sie gar kein Zimmer für uns haben? Ich schüttelte innerlich den Kopf und wir liefen zusammen zum Aufenthaltsraum. 

Der Aufenthaltsraum war von außen gut sichtbar, da dieser aus Glastüren und Fenstern bestand. Im Raum befand sich eine kleine Küche, ein Tisch mit Stühlen und eine Couch mit extra Sesseln. Es war extrem heiß in dem Raum und mir schnürte es fast die Luft zum atmen ab. Ein Mädchen saß mit ihrem Infusionsständer am Tisch und machte wohl Hausaufgaben mit einer Kliniklehrerin. Sie war sehr bleich und hatte eine Mütze auf. Man sah ihr sofort an, dass sie keine oder kaum Haare auf dem Kopf hatte und ich dachte gleich an unser Baby. Wie würde sie wohl aussehen? Was würde wohl in ihr vorgehen, wenn sie jetzt die ganzen Kinder hier so sah? Kaum ging dieser Gedanke in meinem Kopf herum, da sagte die Kleine auch schon: "Mama, die da vorne hat auch eine Glatze." Ich nickte und versuchte ihr zu erklären, dass sie wahrscheinlich auch krank sei und auch Medikamente bekommen würde, die auch bei dem Mädchen die Haare ausfallen ließen. 

Wir setzten uns und die Langeweile begann. Es vergingen Stunden und wir hatten keine Lust mehr in einem heißen Raum wie in einem Zoo eingesperrt zu sein. Jeder lief vorbei und sah in diesen blöden Kasten von Aufenthaltsraum und ich fand es furchtbar. 

Mein Mann holte uns was zum essen und zu trinken und wir waren immer dankbar, wenn die Türe geöffnet wurde und zumindest etwas Luft rein kam. Nach einer Ewigkeit kam dann endlich eine Schwester die uns auf unser Zimmer brachte. Es war das letzte Krankenzimmer am Ende des Flures und war ein Zweibettzimmer. Ich war erleichtert, dass wir alleine waren und hoffte, dass es dabei bleiben würde. Wieder einmal richteten wir uns etwas ein und packten unsere Sachen aus. 

Dann mussten wir auch schon wieder los. Die üblichen Aufklärungsgespräche standen wieder einmal an. Dieses Mal mussten wir allerdings in die Frauenklinik, denn dort befand sich auch die eigentliche Kinderchirurgie. 

Eine ganz liebe, ältere Ärztin empfing uns und brachte uns durch die Schleuse in einen Besprechungsraum. Gleichzeitig erklärte sie uns wo der Aufwachraum und die Operationssäle sind. Erneut ergriff mich dieses mulmige Gefühl, dieses Gefühl einfach nur weg laufen zu wollen und dieses Gefühl, dass alles so ungerecht ist. Ich versuchte mich auf die Worte der Ärztin zu konzentrieren, die uns wie üblich die selben Fragen stellte wie auch schon bei den Operationen zuvor. Kann sowas zur Routine werden, fragte ich mich innerlich. Mittlerweile sind wir ja schon fast geübt darin. Traurig und erschreckend zugleich. Unsere Kleine muss innerhalb von so kurzer Zeit nun bereits die dritte Operation über sich ergehen lassen. 

"Ein Elternteil darf dann mit in den Operationssaal und warten bis die Kleine eingeschlafen ist.", hörte ich die Ärztin sagen. Wie bitte? Hatte ich mich etwa verhört? Einer durfte tatsächlich mit? Ich fragte noch einmal nach, ob dies auch richtig wäre oder ob ich mich verhört hatte, schließlich durften wir bisher nur bis zur Schleuse mit. Sie meinte tatsächlich, dass dies bei der Kinderchirurgie anders sei und hier ein Elternteil mit dürfte. Ich war so erleichtert und die Kleine freute sich sehr, dass sie morgen nicht alleine rein musste. Wir ließen sie wählen wer mit durfte und sie entschied sich gleich für mich.

Wir bedankten uns bei der Ärztin und gingen dann in einen anderen Bereich der Klinik. Hier erhielten wir von einer weiteren Ärztin die Aufklärung über den Port. Der Port würde im Normalfall etwas unterhalb der Schulter auf der rechten Seite unter der Haut angebracht werden und dort fixiert (angenäht) werden. Der Schlauch würde dann mit einer Vene die zum Herz führt verbunden werden. Sie malte uns ein Bild auf, um es uns in etwa zu verdeutlichen. Wir schluckten und es hörte sich alles so furchtbar grausam an. Sie ist doch verdammt nochmal ein kleines Kind. Warum muss der liebe Gott ihr das antun? Warum braucht sie verdammt nochmal einen Port mit 6 Jahren? Warum? Ich merkte wie der Kloß in meinem Hals wieder begann größer zu werden und ich verdrängte ihn erneut. Ich wusste, dass ich stark sein musste und wollte mir nichts anmerken lassen. Die Ärztin bemerkte wohl meine Sorge und versuchte mich zu beruhigen, in dem sie mir erklärte, dass dies für die Ärzte wirklich eine Routine-Operation wäre und dass Komplikationen sehr sehr selten aufträten würden.

Erneut bedankten wir uns und verließen mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auch diese Klinik, um endlich wieder zurück aufs Zimmer zu gehen. 

Den Rest des Tages verbrachten wir mal wieder mit spielen, malen und essen, bevor sie dann früh ins Bett ging. Tatsächlich bekamen wir dann auch noch das Mädchen mit dem Infusionsständer aus dem Aufenthaltsraum und ihren Vater zu uns ins Zimmer. Es war ein seltsames Gefühl sich das Zimmer nun auch noch mit einem Mann teilen zu müssen, aber uns blieb wohl keine andere Wahl und sie waren tatsächlich beide sehr sehr nett.

Den nächsten Tag fing unsere Maus gleich mit meckern an. Sie durfte nämlich vor der Operation nichts mehr essen und nichts mehr trinken. Da sie dieses Mal nicht gleich die Erste war, war das natürlich doppelt so schwer, denn sie musste bis ca. 10.30 Uhr warten bis wir endlich vom Krankenwagen abgeholt wurden. Es ging wieder in die Frauenklinik zur Kinderchirurgie. Der Sanitäter machte Scherze und Spaß mit der Kleinen um sie abzulenken und sie war tatsächlich richtig gut drauf. Sie freute sich, dass ich gleich mit rein durfte.

Kurze Zeit später kam dann auch schon eine Schwester, die uns in einen Umkleideraum führte. Dort wurden wir beide mit OP-Kleidung, Schuhen und einer Haube ausgestattet. Die Kleine lachte, denn sie fand wir sahen toll aus. Schnell durfte der Papa noch ein Foto von uns machen, bevor er sich schon verabschieden musste und wir uns in den Operationsbereich begeben mussten. Dort angekommen durfte sie sich auf die Operationsliege legen. Sie drückte meine Hand ganz fest und wir sahen uns im Zimmer um. Es waren Figuren an die Wände gemalt und ich versuchte sie damit abzulenken, während ein Arzt ihr bereits den Zugang frei machte. Wir sprachen über die vielen Geräte und für was sie alles da waren. Die Schwester wollte ihr die Maske zur Beatmung auf die Nase legen, aber als die Kleine sie sah, fing sie sofort an zu weinen und weigerte sich diese aufzusetzen. Sie kannte sie bereits von den anderen Operationen und wehrte sich total dagegen. Die Schwester versuchte sie zu beruhigen und erklärte ihr, dass wir sie nun ihrem Kuscheltier auflegen würden, damit dieser auch mal sehen konnte wie das so ist, aber auch das lenkte sie nicht ab. Sie weinte bitterlich. Ich versuchte nicht mitzuweinen und strich ihr über den Kopf und versuchte sie zu beruhigen. "Mama ist doch da. Alles wird gut. Du wirst gleich schlafen und wenn du aufwachst ist alles vorbei.", flüsterte ich ihr zu. Ich sah wie der Arzt bereits die Narkose in den Zugang laufen ließ und merkte, wie das Weinen bereits leiser wurde. Es wurde immer leiser und schon war sie eingeschlafen. Es ging so schnell und es tat gleichzeitig so weh. Bevor ich aber darüber nachdenken konnte, musste ich den Raum bereits verlassen und wurde von einer Schwester erneut in den Umkleideraum gebracht, wo ich die Operationskleidung schon wieder ausziehen konnte.

Nun fing diese bereits bekannte und einfach nur schreckliche Wartezeit an. Sie fühlte sich immer so lang und so leer an. Momente, Sekunden, Minuten und Stunden die sich anfühlten wie eine Ewigkeit und in denen man nur hoffte und betete, dass einfach alles gut werden würde. Ich weiß nicht, wie oft ich in der letzten Zeit gebetet hatte, aber es war oft, sehr oft und sehr viel und ich hatte und habe auch heute immer noch soviel Hoffnung, dass der liebe Gott alles gut werden lässt. 

Ich sah ständig auf mein Handy, denn man versprach uns gleich anzurufen, sobald sie in den Aufwachraum gehen dürfte. Geht mein Handy? Habe ich genug Empfang? Habe ich genug Akku? Ständig sah ich auf mein Handy und es klingelte einfach nicht. 

Es vergingen wieder über zwei Stunden und ich traute mich nicht mal auf Toilette zu gehen, um immer in der Nähe zu bleiben. Selbst mein Mann wich nicht von meiner Seite. Wir waren so nervös. Plötzlich tauchte eine Schwester am Treppenaufgang auf und fragte wer die Angehörigen von Yara sind. Sofort stürmte ich los und folgte der Schwester in den Aufwachraum. Leider durfte auch hier nur einer rein und mein Mann überließ mir freiwillig den Vortritt. 

Ich trat in den Raum und sah ein erschreckendes Bild vor mir. Sie war sonst immer so fit und sah immer so gut aus nach den letzten Operationen. Dieses Mal lag da ein kleines, blasses Mädchen, auf der rechten Seite bis zur Wange hoch mit diesem komisch gelblich/ orangenen Desinfektionsmittel angemalt, in ihrem OP-Hemdchen mit Tränen in den Augen. Die Schwester erklärte mir sie habe ihr gerade ein Schmerzmittel gegeben, da sie über Schmerzen klagte. Nun stiegen mir Tränen in die Augen... mein armes kleines Baby. Ich nahm vorsichtig ihre Hand und sprach mit ihr. Sie war froh, dass ich endlich wieder bei ihr war und schlief kurz darauf ein. Ich setzte mich auf einen Stuhl ganz nah an ihrem Bett. Sie sah so schmerzerfüllt aus und bewegte sich kaum. Ich sah mich im Raum um und sah, dass noch weitere frisch operierte, erwachsene Personen da lagen. Überall piepsten die Überwachungsmonitore und hin und wieder ging bei allen Patienten das Blutdruckmessgerät an. Die Kleine machte die Augen auf und lächelte sanft. Ich sah, dass sie ihren Kopf nun nur noch nach links hängen lies. Ich fragte, ob alles ok sei und sagte sie solle doch ihren Kopf gerade auf das Bett legen, aber sie wollte nicht. Es würde weh tun den Kopf gerade zu machen, da es ihr auf der rechten Seite weh tat. Ich seufzte und rief die Schwester um mich darüber zu erkundigen. Es sei normal, dass der Port und die Operationsnähte ihr noch ein Paar Tage weh tun würden und sie den Kopf nicht richtig bewegen würde. Sie würde aber regelmäßig Schmerzmittel bekommen. 

Wir verbrachten etwa zwei Stunden im Aufwachraum in denen sie immer wieder einschlief und wieder aufwachte. Sie war aber im Vergleich zu den bisherigen Operationen nicht gut drauf und hatte Schmerzen. Sie sah nicht wirklich gut aus und es tat mir so weh sie so zu sehen und ihr nicht helfen zu können. Ich sah immer wieder auf den Überwachungsmonitor und hatte Angst, dass was nicht in Ordnung war. Die Ärztin untersuchte sie nochmal und sie durfte tatsächlich wieder verlegt werden. Alles war soweit gut.  Kurz darauf kamen auch schon die Sanitäter um uns mit dem Krankenwagen wieder in die Kinderklinik zu fahren. Dort angekommen mussten wir jedoch erst noch zum röntgen. Sie wurde in ein ganz süßes Zimmer mit ganz vielen gemalten Tieren an der Wand gefahren und wurde auf der Trage des Krankenwagens geröntgt, um die Lage des Ports zu sehen. Es war wichtig zu sehen, dass der Port an der richtigen Stelle eingesetzt wurde. Weiterhin wurde die linke Hand geröntgt, um das Alter des Skeletts zu bestimmen. 

Endlich durften wir danach auf unser Zimmer. Dort angekommen legte man sie vorsichtig in ihr Bett und schloss sie wieder an die Monitore an. Sie bekam erneut etwas Schmerzmittel über die Infusion, aber der Kopf hing immer noch nach links. Auch zum schlafen gehen, wollte sie das Bett nicht nach unten legen, da sie Angst vor den Schmerzen hatte. Der liebe Pfleger versuchte sie zu überreden das Bett zumindest etwas runter zu lassen, da sie sonst die ganze Nacht sitzend verbringen müsste, aber wirklich weit runter durfte er es auch nicht legen.

So verbrachte die Maus eine relativ unruhige, halb sitzende Nacht in der sie regelmäßig überwacht und kontrolliert wurde. Den Kopf hatte sie immer nach links gedreht. Das zu sehen tat mir so weh und ich hatte so Angst, dass sie das nicht in den Griff bekommen würde. 

Am nächsten Tag fing dann der Untersuchungsmarathon vor Chemo an.

 

Fortsetzung folgt...