Blödmann im Kopf 14

Die ganze Nacht war sie sehr unruhig, wachte immer wieder Nachts auf und schrie vor Schmerzen. Ich machte ihr die Wärmflasche, gab ihr Schmerztropfen und natürlich weiter die Laxans-Tropfen plus das Bifiteral um den Stuhlgang anzuregen und weich zu machen, doch es half alles nichts.

Am nächsten Vormittag erbrach sie ständig. Sie trank etwas und erbrach, sie nahm die Medikamente und erbrach. Ich war mit den Nerven völlig am Ende und musste immer wieder in die Küche flüchten um zu weinen. Ich war keine Krankenschwester und war total überfordert. Ich hatte so Angst, dass etwas passierten könnte. Ich hatte so Angst vor einem Darmverschluss, dass mir dieses Wort ständig im Kopf umher ging. Ich zitterte am ganzen Körper und umso mehr sie weinte, umso mehr hatte ich Angst. Was sollte ich ihr noch geben? Wann sollte ich zum Arzt? Soll ich nach Freiburg? Soll ich nach Singen? Muss sie ins Krankenhaus? Vielleicht sogar mit dem Krankenwagen?

Ich hatte solche Angst und ihre Schreie nahmen sekündlich an Lautstärke zu. Ich konnte sie nicht mehr beruhigen. Sie wälzte sich von einer Seite zur anderen auf der Couch und weinte. Sie weinte so bitterlich und schrie immer und immer wieder. Ich wusste nicht mehr was ich machen sollte und rief erneut in Freiburg an. Leider erhielt ich dort nicht soviel Verständnis und man sagte mir sie solle weiter diese Abführmittel nehmen, irgendwann würde es schon kommen. Ich erklärte meine Ängste und Sorgen und wieviel Schmerzen mein Kind gerade ertragen musste und sie sagte ich solle so weiter machen wie bisher? Ich glaub ich spinne!

Ich sagte ihr, dass dies kein Zustand sei und es dem Kind minütlich schlechter gehen würde und sie meinte, wenn ich mir unsicher wäre sollte ich doch einfach nach Singen ins Krankenhaus und ihr auf den Bauch schauen lassen. Enttäuscht legte ich auf. Ich gab ihr erneut die Schmerztropfen, streichelte sie und betete, dass die Tropfen drin bleiben würden. Doch als sie so laut anfing zu schreien, dass mir das Blut in den Ader gefror, musste ich etwas tun. Es waren so schrille und laute Schreie, dass ich das Gefühl hatte gleich mit ihr ohnmächtig zu werden. Ich versuchte sie zu beruhigen, legte sie auf die Couch, legte ihr erneut die Wärmflasche auf den Bauch. Dann ging in die Küche und weinte selber bitterlich. Ich halte das nicht aus! Ich ertrage diese Schreie nicht mehr! Wie soll ich ihr helfen? Was soll ich tun, damit dieser Albtraum endlich ein Ende findet? Ich setze mich auf den Boden und zitterte am ganzen Körper. Ich hielt mir die Ohren zu. Ich konnte und wollte dieses weinen und schreien nicht mehr hören. Ich konnte nicht mehr. Ich war mit meinen Nerven völlig am Ende. 

Ich versuchte mich zu fangen und rief meinen Mann an. "Du musst kommen! Komm in deiner Mittagspause nach Hause und fahr bitte mit mir ins Krankenhaus in Singen. Yara muss von einem Arzt angeschaut werden. Ich halte diese Schreie nicht mehr aus. Bitte, komm!", sagte ich aufgelöst am Telefon. Dann ging ich zu Yara zurück und nahm sie in den Arm. Ich erklärte ihr, dass ich sie jetzt anziehen würde und wir dann ins Krankenhaus fahren würden. "Die werden dir dort bestimmt helfen, mein Baby. Mein tapferes Mädchen!", sprach ich ihr zärtlich zu. Dann fing ich an sie anzuziehen und während ich ihr die Strumpfhose anzog, schlief sie ein. Sie schlief einfach ein. Das hatte sie noch nie gemacht. Sie war völlig kaputt und total übermüdet. Die Schmerztropfen waren endlich drin geblieben und schienen nun ihre Wirkung zu zeigen. Ich deckte sie zu und ließ sie schlafen, bis mein Mann kam. Es tat so gut, sie endlich nach Stunden friedlich schlafen zu sehen. Endlich konnte auch ich mal kurz tief durchatmen. Ich war die letzten Tage und vor allem heute den ganzen Tag unter Dauerstress und merkte erst jetzt wie angespannt jeder einzelne Muskel war. Ich ging kurz ins Bad und war so froh, mich mal ohne Geschrei fertig machen zu können. Etwa 20 Minuten später war dann auch schon mein Mann da und wir machten Yara fertig. Sie wachte auf und wir trugen sie ins Auto. Zügig fuhren wir ins Krankenhaus. Mit Mundschutz und bis oben zugedeckt im Kinderwagen betraten wir das Krankenhaus und meldeten uns an der Kinderklinik an. 

Wir durften auch relativ schnell in das Untersuchungszimmer. Die Schwestern untersuchten den Blutdruck, Gewicht und die Temperatur und kurz darauf erschien auch schon ein Arzt. Yara lag nur auf der Liege und bewegte sich kaum. Der Arzt sagte sie sei in einem stark eingeschränkten Allgemeinzustand. Als er dann ihren Bauch aufdeckte sahen wir wie dieser zwischenzeitlich wie ein Ballon aufgebläht war. Ich erschrak und war gleichzeitig froh, doch hierher gekommen zu sein. Sowas hatte ich noch gar nicht gesehen und auch der Arzt sagte, es sei ordentlich Luft drin, wie man unschwer erkennen könnte. Er untersuchte sie von Kopf bis Fuß. Dann wollte er sich sicherheitshalber kurz mit dem Oberarzt besprechen. Er verließ das Zimmer und kam kurz darauf mit dem Oberarzt wieder. Auch dieser sah sich Yara nochmal von oben bis unten an und beide entschieden, dass ein Einlauf gemacht werden müsse. Sie war offensichtlich stark verstopft und hätte so starke Schmerzen, dass es das Beste sei hier einen Einlauf zu machen, um ihr Erleichterung zu verschaffen und gleichzeitig die Schmerzen zu reduzieren. 

Sie verließen das Zimmer und die Schwestern bereiteten alles vor. Yara wimmerte vor sich hin während sie weiterhin auf der Liege lag. Ich strich ihr die ganze Zeit über den Kopf, während der Papa die Hand hielt. Dann wurde der Einlauf gemacht und wir sollten versuchen mit ihr auf dem Flur ca. 5-10 Minuten hin und her zu laufen, damit es besser angeregt werden würde. Vorsichtig liefen wir hin und her und wieder stieg Angst in mir auf. Ihr denkt jetzt wahrscheinlich ich bin total bescheuert, aber da ich keine Krankenschwester bin und mich mit sowas nicht auskenne, hatte ich so Angst mit ihr nachher auf Toilette zu gehen. Was war wenn es nicht raus kommen würde? Würde sie wieder vor Schmerzen so schreien? Würde es bluten? Was würde passieren? Es machte mir so furchtbar Angst, dass ich wieder begann am ganzen Körper zu zittern. Ich fragte meinen Mann, ob er mit ihr auf Toilette gehen könnte. Ich hatte zu sehr Angst diese Schreie erneut zu hören. Sie waren immer noch in meinem Kopf und so hilflos war ich in meinem Leben noch nie gewesen wie heute. Nach ca. 6 Minuten musste sie dann auf Toilette und ich stand vor der Türe. Ich wollte einerseits doch mit rein gehen um bei ihr zu sein und andererseits doch nicht , weil ich noch so verstört und ängstlich war. Ich öffnete die Türe vorsichtig und da hörte ich, wie es endlich klappte und das ganz ohne Geschrei. Ganz im Gegenteil. Sie war so erleichtert, dass sie auf einmal anfing zu reden wie ein Wasserfall. Sie hatte die letzten Tage kaum gesprochen. Nur geweint und geschrien und auf einmal schien es als wenn man auf einen Knopf gedrückt hatte. Sie redete und redete und redete. Nachdem endlich alles raus war, war auch der Bauch wieder ganz normal. Er war total flach. Mein Gott ich war in meinem Leben noch nie so froh "Kaka" gesehen zu haben! Ich weiß, Ihr denkt bestimmt ich habe sie nicht mehr alle, aber nachdem ich ihre Schmerzschreie die letzten Tage gehört habe, war ich so froh und feierte das hier richtig.

Wir liefen zurück ins Untersuchungszimmer und gaben der Schwester bescheid. Kurz darauf erschienen auch wieder die Ärzte um sich Yara erneut anzusehen. Den Unterschied bemerkten sie aber sofort. Sie plapperte sofort drauf los und erklärte den Ärzten, dass es ihr schon viel besser ginge. Wieder untersuchten sie ihren Bauch und entließen uns dann ebenfalls erleichtert nach Hause.


Mein Mann ging wieder arbeiten und wir verbrachten den Rest des Tages endlich entspannt zu Hause. Die nächsten Tage verliefen wieder relativ komplikationslos. Am Freitag war es dann wieder soweit nach Freiburg zu fahren und erneut hatten wir seit dem Tag im Krankenhaus in Singen leider keinen Stuhlgang mehr gehabt, trotz der ständigen Gaben der Abführmittel. Leider hatte Yara jedoch seit gestern Abend wieder starke Schmerzen und wachte auch an diesem Tag weinend auf. Kaum waren wir die Treppen runter gelaufen fing sie wieder an zu schreien. Sie schrie erneut wie am Dienstag zuvor. Ich kannte diese Schreie bereits und holte gleich Schmerzmittel in der Hoffnung, dass diese bald helfen würden. Sie hielt die Schmerzen kaum aus und mein Mann und ich waren erneut völlig überfordert. Wir hatten so Angst und bei jedem schrillen Schrei aus ihrem Mund bekamen wir Gänsehaut und ich zitterte am ganzen Körper. Die Schmerzen verschlimmerten sich so schnell, dass sie ein Kissen in den Mund nahm und darauf beißen musste um es auszuhalten. Sie legte sich hin, stand wieder auf, stand auf allen vieren, setzte sich wieder und biss immer und immer wieder in das Kissen. Ich konnte den Anblick nicht ertragen und weinte. Mein Mann nahm das Telefon und rief in Freiburg an. Er erklärte die Situation und sagte gleich, dass sie heute nur das Vincristin nehmen würde, wenn man ihr endlich helfen würde das Problem mit dem Stuhlgang in den Griff zu bekommen. Ohne dies würden wir uns weigern ihr heute das Vincristin zu geben. Das sei eine Zumutung und wenn es ihr mit diesem Medikament so schlecht gehen würde, dann sollten sie ihr ein anderes geben. Er legte auf und auch er konnte nicht mehr wirklich ruhig bleiben, denn die Schreie der kleinen Maus taten so weh. 

Wir machten uns dann fertig und fuhren mit der Wärmflasche auf dem Bauch Richtung Freiburg. 

Dort angekommen, sagten wir nochmals an der onkologischen Ambulanz, dass erst das Problem mit dem Stuhlgang untersucht und eingestellt werden müsse, bevor sie heute die nächste Spritze bekommen könnte. Nach dem üblichen Ritual, von der Anmeldung über den Fingerpieks, setzte man uns dann ins Wartezimmer und so warteten wir und warteten und warteten. Die Wirkung des Schmerzmittels ließ aber mit der Zeit nach und Yara fing wieder langsam mit Bauchweh an. Nach zwei Stunden fragte ich nach und man vertröstete mich wieder. Es kam mir mittlerweile so vor, als würde man uns extra warten lassen. Die Schmerzen der Kleinen stiegen weiter, genauso wie meine Angst. Nach über drei Stunden waren wir endlich an der Reihe. Wir erklärten der Ärztin die ganze Situation nochmals und zeigten ihr auch den Bericht aus Singen. Sie untersuchte Yara und verschrieb uns dann ein noch stärkeres Abführmittel, welches den Stuhl weich machen würde. Das Movicol, welches öfter bei Chemo-Patienten eingesetzt wird, wurde uns auch in Singen ans Herz gelegt und somit willigten wir danach ein die Vincristin-Gabe durchzuführen. 

Leider musste somit die Kleine noch diese Tortur über sich ergehen lassen. Sie fing sofort an zu weinen und wir mussten sie erneut zu dritt festhalten, damit die Ärztin den Port anstechen konnte. Ich drehte den Kopf zur Seite und schluckte die Tränen runter. Sie musste soviel durchmachen. Sie musste so viel aushalten. Wieviel kann so ein kleiner Mensch ertragen? Wieviel Schmerz und Angst? Ich sprach immer und immer wieder auf sie ein. Ich versprach ihr ein Geschenk, wenn das hier alles vorbei wäre. In diesem Moment würde ich alles tun, um ihr ein wenig Leid zu nehmen. Endlich war auch dies geschafft und wir durften nach Hause. Yara war so erleichtert. Wir fuhren gleich in Freiburg noch in die Apotheke und holten das Movicol. Auf dem Heimweg hielten wir an einer Tankstelle und gaben ihr das Medikament im Auto. Leider schmeckte es ihr nicht und es war furchtbar für sie das runter zu würgen. Ja würgen, denn sie würgte bei jedem Schluck, aber auch hier zeigte sie wieder wie tapfer sei war. Wir fuhren weiter und den Rest der Fahrt schlief sie, Gott sei Dank. 

Wir öffneten die Haustüre und kaum hatte sie ihre Jacke und Schuhe ausgezogen, lief sie auch schon auf Toilette und ich liebte dieses Pulver jetzt schon! Das Delfin-Pulver wie wir es nennen (weil Delfine auf der Verpackung sind) würde ab jetzt unser täglicher Begleiter werden. Ich machte mit Yara einen Freudentanz, weil es ihr auch jetzt wieder von einer Sekunde auf die andere besser ging. Ja, sie hatte sogar wieder Hunger. Endlich wollte sie von sich aus wieder was essen und sie bekam natürlich alles was sie wollte und in ihren Essensplan passte.

Sie hatte in diesen Tagen vor Schmerzen über 2 Kilo abgenommen, was für ein so zierliches Mädchen wie sie natürlich extrem war. Doch nun aß sie endlich wieder etwas. Zwar nur Babyportionen, aber immerhin. Der Hunger kam langsam wieder. 

 

Fortsetzung folgt....