Blödmann im Kopf 15

Die nächsten Tage verliefen nun dank des Delfinpulvers relativ gut. Der Hunger stieg von Tag zu Tag, obwohl er nicht mehr wie vorher war. Vieles schmeckte ihr nicht mehr und Dinge die ihr nicht so geschmeckt haben, aß sie jetzt so gerne. Ich war froh, dass sie überhaupt wieder aß und dass ihre Schmerzen so gut wie weg waren. Ab und zu beschwerte sie sich noch über Bauchschmerzen, aber diese waren nur noch ganz leicht und mit einer Wärmflasche relativ gut in den Griff zu bekommen. 

Die Tage vergingen etwas ruhiger und entspannter, bis wir am 14.02. unseren ersten Termin in der Tagesklinik hatten. Wie gewohnt fuhren wir in die Kinderklinik nach Freiburg, gingen zur Anmeldung, danach wie immer zum Fingerpieks und warteten dann an der onkologischen Ambulanz auf die Ärztin. Diese untersuchte kurz darauf die Kleine von oben bis unten und sah sich die Blutwerte an. Diese waren für die Chemo in Ordnung und so durften wir zum Start des zweiten Zykluses in den zweiten Stock fahren. Auf der uns bereits bekannten Station Pfaundler befand sich auch die Tagesklinik. Ein großer Raum mit vier Betten versehen und einem Schreibtisch in einer Ecke für die Schwestern. Wir gaben unsere Unterlagen an eine freundliche Pflegerin und diese wies uns ein Bett zu. Wir stellten unsere Sachen ab und dann ging es auch schon in das Untersuchungszimmer wo bereits der Infusionsständer mit einer Flasche Zuckerlösung und einer Flasche Kochsalzlösung bereit stand. Es erschien ein freundlicher, junger Arzt, der sich kurz vorstellte und die Maus nochmals untersuchte. Dann mussten wir sie leider wieder zu dritt festhalten und beruhigend auf sie einreden, damit der Arzt den Port anstechen konnte. Das ging jedoch dieses Mal so schnell, dass sie kaum Zeit hatte richtig zu weinen. Der Port wurde mitsamt Nadel gut mit einem großen Pflaster eingepackt und die Schläuche mit einer speziellen Klammer am Pullover befestigt. Diese hilft Unfälle zu vermeiden. Sollte sie irgendwo hängen bleiben oder ziehen, würde diese Klammer verhindern, dass am Port, bzw. an der Nadel selber, gezogen wird.

Sie zog sich wieder an und wir durften uns mit dem Infusionsständer im Schlepptau die Zeit vertreiben. Immer wieder kamen die Schwestern und sahen nach ihr und gaben ihr nach kurzer Zeit zur Sicherheit ein Anti-Brech-Mittel über die Infusion.  Die zwei Stunden Vorlauf vergingen ohne Probleme. Um kurz vor 12 Uhr kam dann erneut der Arzt, der dann das Vincristin spritzte und die eigentliche Chemo (Carboplatin) anhängte.

Yara spielte, schaute sich Bücher an, ritt mit den dort vorhanden Pferden und Zebras durch den Aufenthaltsraum, schaute Tablet, usw. als ob nichts wäre und ich war so erleichtert. Es war für mich immer ein sehr mulmiges Gefühl und ich hatte bei jeder Chemo Gabe solche Angst, dass sich irgendeine Nebenwirkung einstellte. Wie immer machte Yara das aber so toll und so tapfer.

"Zeit Mittag zu essen.", sagten wir zu ihr und tatsächlich aß sie ganz lieb und brav ein paar Nudeln mit Rahmsoße und Nuggets aus dem Krankenhaus. Die Schwestern und auch die Ärzte waren fasziniert, dass es ihr nicht übel war und sie nicht erbrechen musste. Immer wieder sah ich sie an und fragte, ob alles gut wäre und was machte die kleine Maus? Sie nickte und aß Obst, Gummibärchen, Salzstangen und Kekse. Ich war sprachlos und unglaublich erleichtert. So verliefen die drei Stunden Nachlauf bei uns auch ohne Probleme ab. Ganz im Gegensatz zu anderen Kindern die mit uns im Raum waren. Schwere Reaktionen mit Ausschlägen, Übelkeit und Erbrechen... diese Kinder taten mir so unglaublich leid und ich verstand in dem Moment jede Mutter und jeden Vater der daneben stand und total hilflos war so gut. Es war so schrecklich die eigenen Kinder so leiden zu sehen und das Schlimmste war dieses Gefühl nichts tun zu können. Deshalb war ich umso erleichterter, als wir dann um ca. 16 Uhr wieder in das Untersuchungszimmer geschickt wurden um Yara von den Infusionen und der Port Nadel zu befreien. Wie immer weinte sie kurz, weil sie einfach Angst hatte, dass es weh tun würde. "Es ist alles ok mein Schatz, es ist gleich vorbei!", sprach ich zu ihr. Uns so war es auch. Zack war die Nadel draußen, Pflaster drauf und schon durften wir nach Hause. "Weißt du Mama?", sprach Yara. "Eigentlich tut es gar nicht weh, aber ich habe immer so Angst, dass es doch weh tun könnte und deshalb muss ich immer weinen." Ach mein Baby, du bist das tapferste Kind, dass ich je gesehen habe, dachte ich. Ich drückte sie und sagte, dass ein Paar Tränen und auch mal etwas Geschrei völlig ok seien und ganz verständlich. Sie mache das so vorbildlich und selbst die Erwachsenen hätte manchmal Angst vor solchen Sachen.

So fuhren wir wieder nach Hause und Yara konnte sich wieder eine Woche erholen.  

Die nächsten zwei Wochen erhielt sie dann jeweils Freitags das Vincristin im Krankenhaus über den Port und sie machte es von Mal zu Mal besser. Klar kamen immer ein paar Tränen und klar musste man sie immer kurz festhalten, aber es klappte immer besser und immer schneller und so langsam wurde es für uns zur Routine.

Am 28.02 dann waren ihre Blutwerte allerdings etwas niedrig. Wir sollten alles weiter wie bisher machen, allerdings wären ihre Neutrophile Granulozyten sehr niedrig und somit hätte sie sehr wenig Abwehrkräfte. Wir sollten sie schonen, weiter von Menschenansammlungen und Besuchen abschirmen und weiter mindestens drei Mal am Tag Fieber messen. Wir machten uns natürlich gleich Sorgen und am liebsten hätte ich sie in Watte gepackt. Wir gingen nach Hause und ich sah sie ständig an. Ich schaute ob sie müde wurde oder ob sie warm genug eingepackt war, beobachtete um zu sehen ob sie fror oder schwitzte. Yara schien das alles aber nichts auszumachen, sie spielte weiterhin ganz glücklich mit ihrer kleinen Schwester, aß weiterhin gut und schlief auch relativ ruhig. Bis auf die Nächte, in denen sie oftmals stark schrie...

Seit beginn der Operationen und auch der Chemo bemerkten wir, dass ihre Albträume erheblich zunahmen und sie immer wieder lauthals aufschrie. Sie verarbeitete die ganzen Geschehnisse nachts und es tat mir jedes Mal so weh sie so schreien zu hören. Ich nahm sie immer gleich in den Arm und sprach beruhigend auf sie ein. Gott sei Dank erinnerte sie sich an nächsten Morgen nicht an ihre Träume.

Am 29.02 wachte sie dann bereits etwas schlaff auf und die Temperatur stieg im Lauf des Vormittags auf 37.8 an. Ich machte mir Sorgen, denn laut Vorgaben der Ärzte durfte sie 38° C haben und nach einer Stunde sollten wir nochmals messen. Sollte sie dann nochmals mindestens 38°C haben, müssten wir sofort mit ihr in die Klinik. Sollte sie jedoch beim ersten messen bereits 38.5 oder mehr haben, müsste sie sofort in die nächstgelegene Klinik oder sogar mit dem Rettungswagen geholt werden. Ich wurde nervös und packte vorsichtshalber schon mal unsere Kliniktaschen fertig. Diese waren momentan immer griffbereit und so gut wie gepackt, damit wir im Notfall gleich los konnten. Nach dem Mittagessen legten wir beide Kinder schlafen und hofften, dass die Temperatur nicht ansteigen würden, doch wir wurden leider enttäuscht. Sie wachte mit 38.1 C auf und wir riefen schon mal in der Klinik an. Wir erklärten, dass wir einen fast zweistündigen Weg vor uns hatten und wir Angst hatten nochmals eine Stunde zu warten und darauf zu hoffen, dass das Fieber nicht steigen würde. Doch die Schwester sagte wir müssten definitiv zwei mal im Abstand von einer Stunde messen und erst dann dürften wir los fahren. Spinnt die Alte? Was ist wenn das jetzt immer schlimmer wird, hab ich denn dann noch Zeit in die Klinik zu kommen? Sollte ich jetzt schon den Krankenwagen rufen? Oh Gott, meine Gedanken machten mich ganz verrückt und ich war so nervös, dass ich kaum mehr still sitzen konnte. Nach einer halben Stunde war die Temperatur immer noch 38.1 C und wir entschieden uns schon mal los zu fahren und von unterwegs zu messen. Die ganz Kleine blieb bei meiner ältesten Tochter und wir fuhren zügig los. Unterwegs hielten wir an einem Rastplatz und tatsächlich war die Temperatur da schon 38,5 C. Oh nein, dachte ich und wir fuhren schnell weiter, während ich nochmals in der Klinik anrief um uns anzukündigen. 

Ich hatte solche Angst. Der Weg nach Freiburg war die Hölle und dauerte gefühlt ewig. Er kam mir dieses Mal noch länger vor als sonst und ich machte mir solche Sorgen. Sollten wir von unterwegs den Rettungswagen anfordern? Würden wir es rechtzeitig nach Freiburg schaffen? Was würde passieren, wenn es schlimmer werden würde? Ich erinnerte mich an die Worte des Arztes der uns damals aufklärte:  "Notfalls muss sie bereits im Krankenwagen die erste Dosis Antibiotikum bekommen!" Mein Gott was sollte ich nur machen? Ich flehte meinen Mann an schneller zu fahren. Er versuchte mich zu beruhigen, aber ich konnte nicht mehr. Warum war diese blöde Klinik auch nur so weit weg? Welche Klinik war die nächste von unserem Standort? Solche Gedanken kreisten mir im Kopf herum, während ich immer wieder die Kleine ansah oder ihr immer wieder über das Ohr Fieber gemessen habe.

Endlich kamen wir in Freiburg an und machten uns sofort auf den Weg zur Anmeldung und dann zur Ambulanz. Kurz darauf kam auch schon eine nette Ärztin, die Yara gründlich untersuchte. Sie erklärte uns, dass wir unbedingt Blut abnehmen mussten um zu schauen wie die Werte aktuell sind. Ich erklärte ihr, dass der eine Wert (Granulozyten) gestern nur noch auf 300 waren und sie gestern das Vincristin bekommen hatte. Leider mussten wir zur Blutentnahme nun auch nochmal den Port anstechen, was Yara mit Fieber natürlich noch weniger gefiel als sonst. Sie weinte und wollte nicht. Sie wollte jetzt endlich schlafen und ihre Ruhe haben. Sie versuchte uns weg zu stoßen, weinte und schrie. Doch auch dieses schaffte meine tapfere Heldin und wir erhielten kurz darauf die Ergebnisse. Sie war stark neutrophen mit Fieber. Der Wert sei auf 80 gefallen und alle anderen Blutwerte seien auch sehr niedrig. Das sei die Folge der Chemo und sie müsste nun hierbleiben und isoliert werden. Wenn man bedenkt, dass dieser eine Wert vor Chemo bei ca. 2400 war, kann man sich sehr gut vorstellen, dass das kein gutes Zeichen war. Sie bekam sofort ein Antibiotikum über die Infusion und kurz darauf auch noch Paracetamol für das Fieber. Leider war die Onkologie total überfüllt und wir mussten noch in der Ambulanz warten bis ein Zimmer frei wurde. 

Leider waren an dem Abend auch nun die Fasnachtsferien überall zu Ende und die Ärztin und Schwestern hatten alle Hände voll zu tun mit Fällen von Kindern die vor der Klinik auf Corona getestet werden mussten. So mussten diese immer Schutzkleidung an und ausziehen und es vergingen ca. 2 Stunden bis wir endlich fix und fertig auf die Station Pirquet verlegt werden konnten.

 

Fortsetzung folgt....