Blödmann im Kopf 17

Endlich ging es Yara besser und wir konnten uns von den ganzen vergangenen Strapazen erholen. Ja auch die folgende Zeit verlief relativ gut und komplikationslos. 

Nach 10 Wochen Intensivtherapie in denen sie jede Woche die Vincristin-Spritzen erhielt und alle vier Wochen die große Carbobplation und Vicritin Chemo konnten wir endlich durchatmen und die erste Chemo Pause antreten. Durch die ständigen schlechten Blutwerte hatten sich die 10 Wochen auf ca. 16 Wochen hingezogen und wir waren froh endlich mal durchatmen zu können und nicht mehr jede Woche nach Freiburg fahren zu müssen. Die erste Pause betrug 3 Wochen. Das war herrlich. Yara ging es jeden Tag besser und sogar ihre Haare fingen wieder an zu wachsen. Sie waren ihr nie ganz ausgefallen, worüber wir sehr froh waren. Es blieben immer ein paar "Fussel-Haare-" übrig. Somit konnten wir bisher auch auf eine Perücke verzichten .

Yara fing an besser zu essen, zu spielen, zu toben und fühlte sich super.

Nach drei Wochen ging es dann wieder nach Freiburg und siehe da, auch die Blutwerte waren viel, viel besser. Sie hatte sich gut erholt und wir konnten wieder mit ihr in die Tagesklinik um den nächsten Chemo-Block zu starten. Mittlerweile war es aufgrund von Corona allerdings so, dass nur noch ein Elternteil mit durfte. Yara war so traurig. Bisher durften immer Mama und Papa mit und nun sollte sie sich für einen entscheiden. Sie war sehr enttäuscht und wusste nicht, wen sie mitnehmen sollte. Sie wollte sich nicht zwischen uns entscheiden. Wir überließen ihr aber die Entscheidung, da sie sich schlussendlich gut fühlen musste während der Chemo und so entschied sie, dass sie immer einmal Mama und dann wieder Papa im Wechsel mitnehmen würde. So sei es gerecht für alle und keiner würde zu kurz kommen. Ich war immer wieder aufs Neue erstaunt wie toll und erwachsen unsere Kleine doch geworden war. Auch für uns war das ein schwerer Schritt, so waren wir bisher doch an allen ihren wichtigen Behandlungen, egal ob Operationen, stationären Aufenthalten, wichtigen Entscheidungen, Chemo usw. immer gemeinsam an ihrer Seite. Leider durfte ab da nur noch ein Elternteil mit Yara die Klinik betreten.

 

Wir gingen in den zweiten Stock zur Tagesklinik und sie erhielt nach dem Anstechen des Ports wieder ihren Vorlauf, dann die Chemo und dann den Nachlauf. So ein Tag in der Tagesklinik zog sich ewig hin, denn wir mussten bereits um 8 Uhr da sein und konnten erst so um ca. 16 Uhr wieder gehen. Aufgrund von Corona war der Aufenthalt im Spielzimmer, auf den Gängen oder an den Billard-Tischen leider weiter verboten und so musste man die ganzen Stunden eingesperrt in diesem Zimmer verbringen. Doch das Wichtigste war, dass es Yara gut ging. Ich beobachtete sie während der ganzen Stunden immer wieder und versuchte festzustellen, ob sie müde war, ob ihr schlecht wurde oder sonstige Nebenwirkungen auftraten, aber nichts. Sie war mein kleiner Superheld und machte es unglaublich toll.

 

Die nächsten Wochen verliefen super. Der Rhythmus der Chemo änderte sich auf alle vier Wochen und selbst die Damen von der Hörtest-Klinik kamen uns in so weit entgegen, dass sie die Termine immer auf den gleichen Tag legten wie die Chemo selber. Somit mussten wir nur noch einmal alle vier Wochen nach Freiburg und konnten den Rest der Zeit zu Hause bleiben. Yara ging es immer besser. Die Haare wuchsen und sie sah wieder richtig gut aus. Sie war nicht mehr so bleich und tobte sogar wieder mit ihrer kleinen Schwester.

 

Am 20.04 allerdings änderte sich für uns Mädels alles. Mein Mann und ich trennten uns und somit stand unser Leben wieder Kopf. 

Die letzten Wochen/Monate hatte es sich bereits angekündigt. Viele fragen mich, warum man sich in genau so einer Situation auch noch trennen muss und selbst ich habe manchmal keine Antwort darauf. Natürlich lief es nicht rosig, wir stritten viel, dann war alles wieder super, dann fingen die Streitereien erneut an. Warum? Eigentlich nur wegen meiner großen Tochter aus erster Ehe. Mein Mann und sie kamen nicht miteinander aus. Er verstand nicht, dass sie im Haushalt nicht so mithalf wie er es gerne hätte und sie ließ sich von ihm nicht viel sagen. Ich war jahrelang der Ping Pong Ball zwischen den beiden. Ich konnte mich weder auf die eine noch auf die andere Seite stellen, da sonst der Gegenpart immer böse gewesen wäre. Ich habe jahrelang versucht zu vermitteln und zumindest versucht ein harmonisches Familienleben hin zu bekommen, aber leider hatte ich keinen Erfolg. Ich war letztendlich die auf die alles abgeladen wurde. Er beschwerte sich über sie, dass sie nichts machte und nur faul war und sie beschwerte sich über ihn, dass er nur am meckern war. Beide hatten Recht auf ihre Art und Weise und ich war die Dumme in der Geschichte und konnte das Problem nicht lösen. Es eskalierte immer mehr, so dass sie irgendwann nicht mehr miteinander sprachen. Er hasste sie sehr und war froh, wenn sie nicht mehr am Familienleben teilnahm und sie war froh, wenn sie sich in ihrem Zimmer einigeln konnte und ihn nicht sehen musste. Eine ganz schlimme Situation, die sich über ein paar Jahre hinzog. Beleidigungen, Hass und Wut begleiteten diesen Streit ständig und ich musste mich auch schon mal zwischen beide stellen, damit es nicht noch mehr eskalierte. Irgendwann stellte er mich vor die Entscheidung: Entweder er oder sie....

 

In all den Jahren schluckte ich viel. Ich schluckte die Worte die mir auf der Zunge lagen, um nicht noch mehr zu streiten, ich schluckte die Wut herunter, die immer wieder in mir aufkam, dass sich beide nicht ändern konnten und nicht verstanden was ich fühlte und ich schluckte die Enttäuschung und Traurigkeit herunter, dass ich mich wieder einmal so in einem Menschen täuschen konnte. Ich wollte mich auf die Familie und auf die Kinder konzentrieren, ich wollte für Yara da sein und nicht auch noch die Last einer kaputten Ehe mit mir tragen, aber es blieb mir nichts mehr anderes übrig. Ich wollte den Kindern, gerade Yara, diese Situation ersparen, ich wollte nicht, dass sie leiden mussten, aber ich wusste auch, dass es so nicht mehr weiter ging.

 

Der nächste Punkt waren leider auch viele Lügen die diese Beziehung umhüllten. Ich war sprachlos über soviel Lügen. Am schlimmsten war allerdings die Enttäuschung von dem Mann den man liebte so hintergangen zu werden. Ich wurde vor angeblichen Freunden schlecht gemacht, ja sogar als schlechte Mutter hingestellt.

Woher ich das wusste? Ich las die Nachrichten auf seinem Handy. Ja das war nicht richtig, ja es war falsch und ja es war ein Eingriff in seine Privatsphäre und ihr fragt Euch jetzt bestimmt warum ich das machte? Weil ich genau wusste, dass er ohne seine ständigen Lügen über mich nicht gut dastehen würde und ich genau wusste, dass er wieder mal alles daran setzen würde mich schlecht zu machen. Ich hasse Lügen und es tat mir jedes Mal in der Seele weh. Ich konnte noch nie mit Menschen umgehen die Lügen brauchten und ich bat ihn von Anfang an in unserer Beziehung mich bitte nie anzulügen. Leider konnte er nicht anders....

 

Anfangs wohnten wir noch zusammen, trotz Trennung. Jeder suchte sich eine Wohnung und in der Zeit versuchten wir zu Hause normal miteinander umzugehen für die Kinder. Wir machten Ausflüge zusammen und verstanden uns gut. Es war fast wie früher und fühlte sich toll an. Kein Außenstehender verstand es, aber für uns fühlte es sich richtig an. 

Am 05.06 aus zog er dann schließlich aus dem gemeinsamen Haus aus. Es tat weh, ja es tat sogar sehr weh, obwohl ich wusste, dass es nicht anders ging, obwohl ich wusste, dass auch meine Gefühle für ihn viel weniger geworden waren, war es furchtbar, als er mich ein letztes Mal in den Arm nahm und dann die Tür für immer schloss. Die Kinder weinten, fragten, warum er weg ging und warum er jetzt nicht mehr zu Hause schlafen würde. Es tat mir so weh und ich wusste selber keine richtige und kindgerechte Antwort darauf. Es war schrecklich. Auf einmal war alles anders...

 

Auch nach seinem Auszug sind noch einige Dinge vorgefallen, auf die hier ich nicht weiter eingehen werde. Es war einfach nur unbegreiflich und sehr enttäuschend. Viele fragten mich dann: Warum hängst du dann noch an ihm? Warum hast du dich nicht schon früher getrennt? Warum lässt du das alles mit dir machen?

Ich hatte darauf nur eine Antwort: Aus Liebe. Aus Liebe zu ihm und zu meinen Kindern.

 

Die erste Zeit war nicht einfach. Ich war auf mich alleine gestellt mit drei Kindern, davon einem schwerkranken Kind. Ich wusste, dass es das Beste war und dass ich da jetzt durch musste. Es blieb mir nichts anderes übrig, also setzte ich einen Fuß vor den anderen und fing an zu laufen. Ich kümmerte mich um die Kinder, machte den Haushalt, ging einkaufen, kümmerte mich um den Hund, und um die Finanzierung der neuen Wohnung. Ich rannte von einem Termin zum anderen und war weiter alle vier Wochen mit Yara in Freiburg (weiter im Wechsel mit dem Papa). Ich beruhigte die Kinder immer wieder, wenn sie weinten, weil sie den Papa vermissten und versuchte sie abzulenken, obwohl ich manchmal selber keine Kraft mehr hatte.

 

Dann änderte sich auch noch der Rhythmus der Chemo wieder. Yara musste nun drei Wochen hintereinander, jeweils Freitags, nach Freiburg und hatte dann drei Wochen Pause. Alle vier Wochen musste weiter ein Hörtest gemacht werden.

Am 29.07 kam dann ein weiterer großer Schritt auf Yara zu. Es wurde wieder ein MRT gemacht, um zu sehen, ob der "Blödmann" sich verändert hatte. Wir fuhren also (mit Papa gemeinsam) in die Kinderklinik nach Freiburg. Papa und ich wechselten uns ab, denn es durfte immer nur einer mit rein, während die Vorbereitungen usw. getroffen wurden. Um ca. 12.15 Uhr wurden wir dann in den Vorraum des MRT gerufen. Ich rief den Papa an und er kam auch mit rein. Wir erhielten noch ein Vorgespräch wegen der Sedierung und dann ging ich mit Yara zum "Donut", wie er kindgerecht in Freiburg genannt wird. Wie ihr ja bereits in den vorherigen Blogs lesen konntet, mochte die Kleine den Donut nicht mehr und somit konnte sie nur noch sediert rein liegen. Sie setzten sie auf die Liege und sie fing gleich an zu weinen. Sie wollte nicht, denn sie hatte Angst. Ich hielt sie im Arm und sagte ihr, dass alles gut werden würde, dass es bald vorbei sein würde und wenn sie aufwachen würde alles wieder vorbei sei. Ich schluckte. Glaubte ich selber daran, dass alles wieder gut werden würde? Ich merkte wie bei mir die Angst und die Sorge um Yara aufstiegen und versuchte die Tränen zu unterdrücken. Der Narkose-Arzt sprach mit Yara um sie abzulenken, während er die weiße Narkose-Flüssigkeit spritzte. Sie weinte und von einer Sekunde auf die andere fiel sie in meinem Arm in sich zusammen. Sie verstummte, denn sie war bereits eingeschlafen. Es tat so weh sie so zu sehen. Ich legte den schlafenden Körper vorsichtig auf die Liege und musste dann auch schon den Raum verlassen. Man sagte uns wir sollten in einer halben Stunde wieder kommen und solange etwas raus an die Luft gehen. Wir gingen durch die Glastüre und die Tränen stiegen wieder auf. Wieso musste sie sowas durchmachen? Wieso tat es nur so weh sie jedes Mal so zu sehen? Ich setzte einen Fuß vor den anderen und lief einfach dem Papa hinterher. Ich weinte und konnte gar nicht mehr aufhören. Die Tränen liefen mir nur so übers Gesicht und ich glaube in dem Moment weinte ich wegen Yara, weinte ich weil ich mich alleine fühlte, weinte ich wegen der Trennung.... ich glaube ich weinte wegen allem. Wir setzten uns auf die Terrasse des Elternhauses und ich versuchte mich zu beruhigen, aber es klappte nicht. Er saß wie ein Fremder neben mir und tippte auf seinem Handy rum. Schrecklich.... wie konnte ein Mensch nur so kalt und gefühllos sein? Ich dachte ständig an Yara, wie es ihr wohl ging, wie sie sich fühlte. Sie war alleine in diesem blöden und lauten Gerät. Ich wäre so gerne bei ihr. Meine Tränen hörten gar nicht mehr auf, ich schluchzte und konnte mich nicht beruhigen. Ich zitterte am ganzen Körper, obwohl mir nicht kalt war. Wieso konnte er mich nicht mal in den Arm nehmen? Fühlte er nicht genauso? Tat es ihm nicht weh? Wir waren doch die Eltern, was war das Problem sich in so einer Situation in den Arm zu nehmen?

Ich fragte ihn leise: "Kannst du mich vielleicht einmal kurz in den Arm nehmen?" Ich brauchte einfach eine Umarmung, ein nettes und vor allem aufmunterndes Wort. Einfach ein "alles wird wieder gut", aber es kam nichts. Er sagte nein. Er sagte einfach nein. Er könnte das jetzt nicht. Was für ein Mensch muss man sein? Es sollte keine Umarmung aus Liebe sein, nein, einfach eine Umarmung zwischen zwei Menschen die gerade das selbe Leid durchmachten. Eltern die um ihre Tochter bangten und hofften, dass sie wieder gesund werden würde. Es kam aber nichts und in mir stieg die Wut und die Enttäuschung hoch. Ich stand auf und wir liefen wortlos wieder zurück zum MRT. Ich versuchte  mich etwas beruhigen, da ich nicht wollte, dass Yara mich so sah. Leider mussten wir noch ein paar Minuten im Flur warten und ich setzte mich etwas entfernt von ihm auf einen Stuhl. "Wie zwei Fremde", dachte ich erneut. 

Dann ging endlich die Tür auf und wir konnten zu unserer Kleinen. Der Arzt hatte sie auf dem Arm und sie war tatsächlich schon wieder wach und lächelte. Er setzte sie auf den Schoß vom Papa und wir warteten auf die Schwestern, die sie dann wieder abholten um sie auf das Zimmer zu bringen wo sie noch ein paar Stunden überwacht werden musste, bevor sie nach Hause durfte.

Ich war so glücklich und unglaublich stolz, dass es ihr gut ging und sie schon wieder so fit war, dass ich ich die Wut und die Enttäuschung für ein paar Momente vergessen konnte. 

Nach ein paar Stunden durften wir wieder nach Hause und fuhren fast wortlos zurück nach Singen. Zu Hause angekommen, war ich nur noch froh, dass er weg war. Er hatte mich wieder einmal so sehr enttäuscht.

 

Am nächsten Tag rief ich in Freiburg an um die Ergebnisse des MRT zu erfahren, aber leider wurde ich vertröstet. Keine wusste was und die Bilder mussten noch gesichtet werden. So vergingen zwei Tage. Es war schlimm. Ständig wartet man auf einen Anruf und diese Ungewissheit machte mich fast wahnsinnig. Leider bekam Yara dann auch noch Fieber und Schnupfen und so musste ich wieder einmal mit ihr notfallmäßig nach Freiburg. Wie immer wurde der Port angestochen und sie bekam ein Antibiotikum. Wir wurden wieder stationär aufgenommen und waren wieder einmal isoliert. Am nächsten Tag erfuhr ich dann, dass Yara Rhinoviren hatte. Das sind Krankheitserreger, die hauptverantwortlich für Erkältungen und Schnupfen sind. So blieben wir also auch hier zwei Tage stationär, damit sie sich wieder erholen konnte.  

Während wir da so in unserem Zimmer eingesperrt waren, klingelte mein Handy und ich sah sofort, dass es ein Anruf hier aus dem Klinikum war. Es war ihre behandelnde Ärztin, die sich endlich die Bilder angesehen und besprochen hatte. Ich fing an zu zittern. 

"Der Tumor ist tatsächlich etwas kleiner geworden, nicht viel, aber etwas.", hörte ich sie sagen und mein Herz explodierte  fast. Danke, danke, danke lieber Gott. Ich war so froh. Ich bedankte mich bei der Ärztin und konnte gar nicht glauben, was ich soeben gehört hatte. All die Mühe, Ängste und Sorgen hatten sich offensichtlich gelohnt. Der Tumor war etwas kleiner geworden und es war seit Monaten die beste Nachricht, die ich bekommen habe. Mein Herz jubelte und ich umarmte und küsste Yara erst einmal ausgiebig. Mein Baby, meine tapfere Maus....

"Danke lieber Gott", sprach ich.

 

Fortsetzung folgt....